Herzlich willkommen zurück, liebe kultur*Freundinnen und *Freunde!
„Oh, wie schön ist Panama!“ Wer kennt diesen Satz nicht? Ich habe meinen Kindern die Geschichte so oft vorgelesen. Der kleine Bär und der kleine Tiger ziehen los, um Panama zu suchen, und kommen wieder bei sich zu Hause an. Sie erkennen es kaum wieder. Und plötzlich ist es genau der Ort, von dem sie geträumt haben. Oh, wie traurig ist jetzt Panama. Mit Tiger, Bär und der Tigerente hat Janosch Generationen von Kindern geprägt. Mein ältester Sohn hatte sogar ein Tigerenten-Fahrrad. Janoschs Geschichten über Freundschaft, Mut und die Suche nach dem Glück sind Klassiker der Kinderliteratur. Besonders gerne mag ich auch seine Art der Illustration. Gerade diese Reduktion macht sie so erkennbar: Ein paar Striche genügten, um Tiger, Bär, Frosch oder Wondrak als Charaktere mit eigener Haltung erscheinen zu lassen.
Nun ist der Schriftsteller und Illustrator am 3. November 2026 im Alter von 95 Jahren in seiner Wahlheimat Teneriffa gestorben. In der ARD-Mediathek könnt ihr einen ganzen Film über ihn sehen: Lebenslinien – Janosch · Ja ist gut, nein ist gut. Besonders berührend ist auch eines seiner letzten Interviews in der Süddeutschen Zeitung. Danke, Janosch, für dieses schöne Stück Kindheit!

Am selben Tag hatten die Amerikanerinnen und Amerikaner gewählt, und am nächsten Morgen war ich fast schon euphorisch. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, Trump würde sich noch irgendetwas einfallen lassen, um die Wahl zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Stattdessen gewannen die Demokraten bei den Midterms am 3. November die Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus zurück. In Kansas holten sie zum ersten Mal seit 1932 einen Senatssitz und in Texas schlug James Talarico den von Trump unterstützten Ken Paxton. Und Trump erkennt das Ergebnis an, obwohl er schrieb: „Ich stand nicht auf dem Stimmzettel.“
Auch Elon Musk musste eine Niederlage hinnehmen, mit der er wohl nie gerechnet hatte. Er hatte mehr als 200 Millionen Dollar allein in Texas für den Wahlkampf der Republikaner ausgegeben. Geld allein regiert die Welt eben doch nicht. Auf dem Stimmzettel standen nämlich auch die Rechenzentren für KI. Laut der Auswertung der US-Wahl-Enzyklopädie Ballotpedia stimmten Wählerinnen und Wähler in 46 von 47 entschiedenen Abstimmungen für strengere Grenzen oder Verbote von Rechenzentren. Gina Hinojosa, die in Texas Gouverneur Greg Abbott geschlagen hat, war offen gegen neue Rechenzentren angetreten. Für die Tech-Konzerne wird es jetzt kritisch, für die Nachhaltigkeit ist es ein Sieg.
Im September habe ich über das Buch „End Times Fascism“ von Naomi Klein und Astra Taylor geschrieben. Darin beschreiben die beiden ein Bündnis aus christlichen Fundamentalisten, Tech-Milliardären und Ethno-Nationalisten, das sich mit dem Kollaps der Welt abgefunden hat und nur noch darum kämpft, wer ihn überlebt. Am Ende meines Artikels stand der Satz: „Die Endzeit-Faschisten sind nicht allmächtig.“ Damals klang das wie eine Hoffnung. Seit Dienstag klingt er wie eine Beschreibung. Zum Nachlesen: Der neue Faschismus liebt den Untergang!
Und die Jungen rücken nach, ebenso die Frauen. Keisha Lance Bottoms wird die erste schwarze Gouverneurin Georgias, Deb Haaland die erste indigene Gouverneurin New Mexicos und Gina Hinojosa die erste Latina an der Spitze von Texas. Mit Abdul El-Sayed aus Michigan zieht zudem der erste muslimische Senator in den Kongress ein. Die „grauen alten Männer“ haben nicht mehr das Sagen. Das Volk holt sich sein Land zurück. Was für ein Zeichen für die Demokratie und die Zukunft!

In meinem Essay zur Freiheitsstatue habe ich am Wahltag geschrieben, dass Politikwissenschaftler die Chance auf eine freie und faire Wahl bei drei zu eins sahen. Die Wahl war frei. Trotzdem gilt mein Satz aus dem Essay: „Ich schaue nicht mehr zu Amerika auf. Ich sehe hin.“ Diesmal hat sich das Hinsehen gelohnt. Zum Nachlesen: Die Fackel und das Schwert – Welcome to America!
So viel zum Rückblick. Und nun zum Ausblick auf das Kulturprogramm der kommenden Tage. Los geht’s.
Ausstellungen: ART COLOGNE, Lee Ufan und die Eröffnungen der Woche

Seit gestern findet in Köln die 59. ART COLOGNE, die älteste Kunstmesse der Welt, statt. Noch bis Sonntag präsentieren dort mehr als 170 Galerien moderne und zeitgenössische Kunst. Wer kann, sollte den Samstag wählen, denn am 7. November ist Kunstsamstag: Mit dem ART-COLOGNE-Ticket kommt man abends ohne Aufpreis in die Kölner Museumsnacht. Umgekehrt gilt: Mit dem Museumsnacht-Ticket kommt man von 16 bis 19 Uhr kostenlos auf die Messe.
ART COLOGNE, Koelnmesse, Eingang Süd, 6. und 7. November 11 bis 19 Uhr, 8. November 11 bis 18 Uhr
……….

Und weil man an diesem Wochenende ohnehin in Köln ist: Heute Abend erhält Lee Ufan im Museum Ludwig den Wolfgang-Hahn-Preis. Ein blauer Strich braucht bei ihm vier oder fünf Tage, da jeden Tag eine Schicht hinzukommt. Fünf Gemälde seiner jüngsten Serie „Response“ sind in einem einzigen Raum zu sehen. Lee, 1936 in Südkorea geboren, gründete Ende der 1960er-Jahre in Tokio die Bewegung Mono-ha, auch „Schule der Dinge“ genannt. Zwar stellte er im Rheinland schon in den 1970er-Jahren aus, aber das Museum Ludwig besaß nie ein Werk von ihm. Deshalb kauft die Gesellschaft für Moderne Kunst mit dem Preis jetzt eines der Bilder für die Sammlung.
Lee Ufan: Wolfgang-Hahn-Preis 2026, Museum Ludwig, Köln, Eröffnung und Preisverleihung heute, Freitag, 6. November, 18:30 Uhr, Eintritt frei; 7. November 2026 bis 4. April 2027
……….

Fast zur selben Zeit, um 19 Uhr, eröffnet der Kunstverein Hamburg die erste institutionelle Überblicksausstellung von Karen Kilimnik in Deutschland seit mehr als 25 Jahren. Ein Beispiel für den Titel ihrer Bilder ist „The Green Fairy Cottage in the Vietnamese Jungle“: ein Feenhäuschen in einem Dschungel, der den Namen eines Kriegsschauplatzes trägt. Genau so arbeitet Kilimnik schon seit Jahrzehnten: Sie verwendet Motive aus Märchen, Barockgemälden, Ballett und Zeitungen.
Karen Kilimnik im Kunstverein in Hamburg, Eröffnung heute, 19 Uhr; 7. November 2026 bis 28. Februar 2027
……….

Tinte, Gouachefarben, Silber und Gold auf Papier, 37 × 25 × 8,5 cm. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Im Museum Folkwang in Essen ist seit heute zu sehen, wie diese Sammlung eigentlich begann. Denn lange bevor Renoir und van Gogh den Weg in die Sammlung fanden, brachte Karl Ernst Osthaus Fliesen, Glas und Handschriften aus dem Osmanischen Reich, Nordafrika und Westasien mit. Die Ausstellung „Nach Damaskus …“ zeigt daher jetzt rund 340 Objekte aus dem 4. bis 19. Jahrhundert und fragt, mit welchem Blick sie zusammengetragen wurden.
Museum Folkwang, Essen. Die Ausstellung ist vom 6. November 2026 bis zum 21. Februar 2027 zu sehen.
……….
Bis zur nächsten Ausgabe des kultur*letters eröffnen außerdem noch die folgenden Ausstellungen:
„Die Impressionisten. Monet, Morisot, Renoir und ihr Netzwerk“ im Museum Barberini in Potsdam, „Schwedische Moderne“ im Brücke-Museum in Berlin und (ab Samstag bzw. Sonntag), „Ästhetik der Technik“ in der Pinakothek der Moderne in München (ab Mittwoch) sowie „Sophie Calle. Is it better?“ im Hamburger Bahnhof in Berlin (ab Donnerstag) sowie Thomas Schütte im K21 in Düsseldorf (ab Freitag). Da es sich hierbei nur um eine Auswahl handelt, findet ihr alle weiteren Informationen in meinem Ausstellungs-Highlight für November.
……….
Wer nach so viel Kunstmesse und Museum wissen will, wie „Sehen“ wirklich geht, findet bei John Berger die beste Schule. Am 5. November wäre er 100 Jahre alt geworden. Bereits 1972 erklärte er in der BBC-Serie „Ways of Seeing“, dass die Bedeutung eines Bildes vom Umfeld abhängt. Erst schauen, dann prüfen, wer dir erklärt, was du siehst. Anlässlich seines Geburtstags habe ich sein Buch nochmals gelesen. Was lehrt mich seine Theorie heute, im Zeitalter von Social Media und Bilderfluten? Meine Gedanken dazu habe ich in einem Essay festgehalten, den ihr hier nachlesen könnt.
Kino: Helene Weigel, „Drei Kameradinnen“ und „Block 10“
Für viele ist sie vor allem Brechts Frau. Der Dokumentarfilm „Helene Weigel – Revolutionärin im Rampenlicht“ von Maria Wischnewski zeigt sie jedoch als Schauspielerin, Intendantin des Berliner Ensembles und Frau mit eigenem Kopf. Birgit Minichmayr und August Diehl lesen ihre Briefe. Programmkino.de schreibt, der Film hole Weigel „aus Brechts gewaltigem Schatten heraus“, das epd Film-Magazin vergibt sogar die Höchstwertung.
Helene Weigel – Revolutionärin im Rampenlicht, Regie: Maria Wischnewski, ab 12. November im Kino, 107 Minuten, FSK 6 (Trailer).
Im Oktober habe ich im kultur*letter #35 über Shida Bazyar und ihren mit dem Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Lücken“ geschrieben. Nun kommt auch ihr früherer Roman ins Kino. Der Film „Drei Kameradinnen“ von Milena Aboyan erzählt die Geschichte von drei jungen Frauen mit Migrationsgeschichte, die zusammenhalten, als die Stimmung gegen sie kippt. Laut Kino-Zeit ist der Film „mitunter wegen des eigenen didaktischen Anspruchs“ lahm, fasziniert aber „durch formale Ambition“.
„Drei Kameradinnen“, Regie: Milena Aboyan, mit Manal Rabba Sabit, Bayan Layla, Brikena Rexha, Meret Becker, seit dem 5. November im Kino, 93 Minuten, FSK 12 (Trailer).
„Block 10“ von Marcus O. Rosenmüller spielt in Auschwitz, wo SS-Ärzte an jüdischen Frauen Sterilisationsexperimente durchführten. Der filmdienst nennt ihn „ein Kammerspiel der klaustrophobischsten Art“. Gefördert wurde er vom Bund trotzdem nicht. Denn Produzentin Alice Brauner sagt in der taz, Gutachter hätten die Nazi-Ärzte für überzeichnet gehalten. Es ist ein schwerer Film, aber einer, der gerade jetzt ins Kino gehört.
Block 10, Regie: Marcus O. Rosenmüller, mit Christian Berkel, Bibiana Beglau, Axel Prahl, seit 5. November im Kino, 108 Minuten, FSK 16 (Trailer)
Neu im Kino sind auch Andrei Swjaginzews „Minotaurus“, ausgezeichnet mit dem Großen Preis in Cannes, über einen Mann, der in einem maroden System funktionieren will (seit 5. November), und „Identitti“ nach Mithu Sanyals Roman (ab 12. November).
Bühne & Gespräch: „Rosa L.“ in Berlin und die Zukunft der Erinnerung in Bonn

Heute hat am Deutschen Theater in Berlin „Rosa L.“ Premiere, eine Uraufführung nach Margarethe von Trottas Film und der Graphic Novel von Kate Evans. Regie führt Anica Tomić, Mareike Beykirch spielt Rosa Luxemburg. Der Abend will nicht zeigen, wie wir Rosa Luxemburg sehen, sondern was sie sah. Kritiken gibt es noch nicht. Für die Premiere sind zwar alle Karten vergriffen, für die kommenden Vorstellungen gibt es aber noch welche. Spielplan.
Rosa L., Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele.
Die Bundeskunsthalle in Bonn fragt am Freitag nächster Woche, wie wir an die NS-Verbrechen erinnern sollen, wenn Gedenkstätten angegriffen werden und die letzten Zeitzeug:innen sterben. Auf dem Podium sitzen Jens-Christian Wagner, der Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Susanne Siegert, Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit und Justus von Daniels. Ich kündige den Abend schon mal heute an, solange es noch Karten gibt.
Studio Bonn – Talk: Nie wieder ist jetzt! Zur Zukunft der Erinnerungskultur, Bundeskunsthalle, Bonn, Freitag, 13. November, 19 bis 20:30 Uhr
Literatur: Kehlmanns „Afrika“, Bonnie Garmus und der Booker Prize

Book-Club-Tipp: Heute erscheint Daniel Kehlmanns neuer Roman „Afrika“. Das Buch handelt von der Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85, bei der europäische Mächte in Berlin über Handelsrechte, Einflusssphären und die koloniale Aufteilung Afrikas verhandelten, während afrikanische Vertreter ausgeschlossen blieben. Kehlmann erzählt diese Geschichte als bitterböse politische Komödie.
Und die Kritiker sind sich bereits jetzt uneinig. Ijoma Mangold feiert in der ZEIT eine „hohe Komödie“. Andreas Kilb hingegen schreibt in der FAS: „Das historische Unheil geschieht, aber wir sehen es nur ganz von fern.“ Gerrit Bartels zieht im Tagesspiegel eine Linie von der Berliner Kongo-Konferenz bis zur MAGA-Bewegung. Darf man über Kolonialismus eine Farce schreiben? Und wer lacht da eigentlich über wen? Stoff genug also für einen langen Abend.
Daniel Kehlmann, „Afrika“, Rowohlt, 6. November 2026, 256 Seiten, 24 Euro. Buchpremiere am 15. November um 15 Uhr im Berliner Ensemble. Tickets sind derzeit ausverkauft, aber es gibt eine Warteliste.
Bonnie Garmus, die Autorin von „Eine Frage der Chemie“, hat in der Süddeutschen Zeitung einen kritischen Gastbeitrag zum Thema Künstliche Intelligenz mit dem Titel „KI löscht uns alle aus? Na, prima!“ veröffentlicht. Darin setzt sich die Bestsellerautorin mit den Risiken und gesellschaftlichen Folgen von KI auseinander und wirft den „KI-Bros“ vor, menschliche Kreativität zu plündern und sich ihre „hässlichen, lauten und umweltschädlichen Data-Center“ genehmigen zu lassen. Thomas Brussig antwortet in derselben Reihe gelassen, man könne den Stecker ja jederzeit ziehen.
In „Peck & Peck“ geht es um Batter Gray, einen jungen Mann mit einer großen Liebe zur Poesie. Anfang der 1980er-Jahre bekommt er einen Traumjob bei einer legendären, völlig dysfunktionalen Lyrikzeitschrift in New York. Dort gerät er in einen erbitterten Machtkampf zwischen den beiden verfeindeten Zwillingsherausgebern. Der Roman ist eine humorvolle Verlags- und Coming-of-Age-Geschichte sowie eine Verteidigung von Poesie, Originalität und künstlerischer Freiheit. Der Roman erzählt jedoch nicht primär von Poesie, sondern davon, wie Institutionen Kunst verwalten, vermarkten und im schlimmsten Fall zerstören. Gerade diese Spannung zwischen Liebe zur Poesie und Bürokratie des Literaturbetriebs macht „Peck & Peck“ über die charmante Handlung hinaus interessant.
Bonnie Garmus: „Peck & Peck“. Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. Piper, 544 Seiten, 26 Euro.
Und am Montag wird in London der Booker Prize vergeben, die Jury leitet Mary Beard. Auf der Shortlist stehen Marlon James, Luke Kennard, Rebecca Perry, Gwendoline Riley, Elizabeth Strout und Douglas Stuart. Derzeit gilt Marlon James mit The Disappearers als Favorit. Meine Wahl wäre Elizabeth Strout mit The Things We Never Say. Ich verrate euch dann nächste Woche hier im kultur*letter #38, wer gewonnen hat. Stay tuned!

Debatten & Diskurse: Was verloren geht, wenn Zeitungen ihr Feuilleton abschaffen
Der Zürcher Tages-Anzeiger hat keine eigene Kulturredaktion mehr. Im Zuge eines weiteren Tamedia-Abbaus verlieren 41 Mitarbeitende ihre Stelle; darunter sind Kultur- und Literaturredakteurinnen wie Nora Zukker, Leiterin der Literaturredaktion und „Kulturjournalistin des Jahres 2023“. Es ist, so die Redaktionen, bereits die siebte Entlassungswelle innerhalb von sechs Jahren.
Das klingt zunächst nach einem Schweizer Problem. Doch es ist auch eine deutsche Frage. Und eine, die uns alle angeht, sobald wir merken, dass wir eine Ausstellung, ein Buch oder eine Debatte nicht mehr zufällig entdecken, sondern nur noch dort, wo der Algorithmus sie uns vorrechnet.
Was genau geht hier eigentlich verloren?
Das Feuilleton ist nicht einfach der Teil der Zeitung, in dem Kritiken stehen. Es ist ein Ort, an dem Kultur gedeutet wird. Hier wird ein Roman nicht nur verkauft, sondern auch gelesen, ein Film nicht nur bewertet, sondern auch eingeordnet und eine Ausstellung nicht nur angekündigt, sondern auch befragt. Es übersetzt Kunst in gesellschaftliche Erfahrung und umgekehrt.
Wenn eine Feuilleton-Redaktion verschwindet, verschwindet also nicht bloß eine Rubrik. Es verschwindet eine Instanz, die fragt: Warum genau jetzt? Warum diese Form? Wem nützt diese Geschichte, und wem schadet sie? Dafür braucht Kulturjournalismus Zeit, Fachwissen und die Bereitschaft, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, deren Bedeutung sich nicht auf den ersten Blick erschließt.
KI im neuen Redaktionsalltag
Dazu kommt nun die zweite Ebene: Tamedia setzt beim Umbau der Redaktionen stärker auf KI. Laut der Zürcher WOZ darf die KI in jedem Text mitschreiben, meist ohne Hinweis. Die KI-Chefin habe den Redakteur:innen erklärt, dass selbst Texte mit einem KI-Anteil von bis zu 95 Prozent nicht gekennzeichnet werden müssten. Tamedia sagt der taz allerdings dazu, dass sich die 95 Prozent auf die Unterstützung bei Recherche, Struktur und Formulierung beziehen, nicht auf den geschriebenen Text. Komplett von KI erstellte Meldungen würden ausgewiesen.
Auch bei der Kölnischen Rundschau und dem Kölner Stadt-Anzeiger wurden die gemeinsamen Lokalredaktionen geschlossen und stärker mit KI arbeitende digitale Teams ersetzt. In diesen Fällen verzichtet DuMont weitgehend auf eine KI-Kennzeichnung für die Leser:innen. Berichte über fehlerhafte Texte, dubiose Ortszuordnungen und mangelnde Transparenz zeigen, wie schnell Vertrauen verloren geht. DuMont bestreitet zwar eine automatisierte Veröffentlichung. Doch gerade diese Unklarheit ist das Problem.
Der Schriftsteller Martin Suter hat in dieser Woche in der ZEIT in einem Gastbeitrag „Feuilleton: Unkultiviert ist jetzt also okay?“ darauf geantwortet: Früher habe es als unkultiviert gegolten, Geld ohne Kultur zur Schau zu stellen. „Diese Schamgrenze ist gefallen.“ Kultur, schreibt Suter weiter, trainiere die menschliche Intelligenz gegen die Vereinfachung, die mit der KI kommt.
Der Schriftsteller Martin Suter hat in dieser Woche in einem Gastbeitrag mit dem Titel „Feuilleton: Unkultiviert ist jetzt also okay?“ in der ZEIT darauf geantwortet: Früher habe es als unkultiviert gegolten, Geld ohne Kultur zur Schau zu stellen. „Diese Schamgrenze ist gefallen.“ Kultur trainiere laut Suter die menschliche Intelligenz gegen die Vereinfachung, die mit der KI einhergehe.
In der letzten Ausgabe des kultur*letter #36 habe ich geschrieben, dass Transparenz beim Einsatz von KI das oberste Gebot ist. Das gilt für Bücher, aber erst recht für Zeitungen. Denn wenn nicht mehr erkennbar ist, wie viel Maschine in einem Text steckt, kann man ihm auch nicht mehr trauen. Und wenn das Vertrauen schwindet, was bedeuten die Medien dann noch für unsere Gesellschaft? Das Feuilleton war schon immer mein Lieblingspart der Zeitung. Vielleicht schreibe ich auch deshalb den Kulturletter: damit es einen Ort gibt, an dem jemand fragt, warum etwas wichtig ist, bevor ein Algorithmus diese Entscheidung für uns trifft.
Das war es für diese Ausgabe. Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Bis dahin viel Freude im Museum, im Kino, mit Büchern und im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig und bleibt zugewandt!
