Den Begriff „Sehschule” lernte ich durch Tanja Stelzer kennen, eine Reporterin der ZEIT. Sie hat schlechte Augen und erinnert sich daran, dass sie als Kind in eine Sehschule ging. Schon damals fand sie die Idee bestechend, dass man Sehen lernen kann. Ihre Frage dazu war kurz und knapp: „Wie aber geht das: Genau hingucken?“
Der Gedanke der „Sehschule” hatte mich neugierig gemacht.
Die Frage war mir nicht neu. Seit ich etwa zehn Jahre alt war, sammle ich Gesehenes: Fotos, Zeitungsausschnitte, eigene Aufnahmen und Skizzen in unzähligen Notizbüchern. Die Notizbücher habe ich alle noch und schlage sie immer wieder auf. Wie man das Hinsehen lernt, hatte ich mich vorher trotzdem nie gefragt.
Jetzt war ich neugierig und bei der Suche stieß ich auf das 1972 erschienene Buch Ways of Seeing von John Berger (1926-2017) und über das Buch auf die BBC-Serie, aus der es hervorging. Berger, geboren am 5. November 1926 in London, war Maler, Kunstkritiker, Romanautor, Booker-Preisträger, Filmemacher und Zeichner. Er selbst bezeichnete sich als Geschichtenerzähler. Heute, am 5. November, wäre er hundert Jahre alt geworden.
Seine Sehschule ist über fünfzig Jahre alt. Seitdem ist unser Sehen allerdings aus den Fugen geraten: Social Media, KI-generierte Bilder und Fakes haben dafür gesorgt. Wie sieht man da noch genau hin? Mit dieser Frage lese ich Berger anlässlich seines hundertsten Geburtstags. Und mit dem Verdacht, dass die Antwort weniger in seiner Theorie als in dem liegt, was er sein Leben lang praktiziert hat.
Wie eine BBC-Serie 1972 lehrte, Bilder zu befragen
Die erste Folge beginnt mit einem Messer. John Berger steht in der National Gallery vor Botticellis „Venus und Mars“, setzt ein Teppichmesser an und schneidet der Venus den Kopf aus dem Bild. Was er zerschneidet, ist jedoch nur eine Reproduktion. Genau darum geht es. Das Original hängt unberührt an der Wand. Jeder kann das Abbild jedoch ausschneiden, umdeuten und in einen neuen Zusammenhang setzen.
Kommt uns das nicht bekannt vor?
„Ways of Seeing“ lief im Januar 1972 in der BBC, vier Folgen à dreißig Minuten, produziert von Mike Dibb. Die Serie war als Antwort auf Kenneth Clarks Serie „Civilisation” gedacht. Berger wollte aufzeigen, welche Ideologien in Bildern und Gemälden stecken, die wir für zeitlos schön halten. Das Messer ist sein Gründungsgestus. Das Bild wird nicht mehr verehrt. Es wird befragt.
Wie dieses Befragen aussieht, zeigt eine Szene aus derselben ersten Folge. Berger legt einer Gruppe von Kindern Caravaggios „Abendmahl in Emmaus“ von 1601 vor. Zuerst fällt ihnen die Figur in der Mitte auf, ein Junge oder ein Mädchen, und sie erfinden aus ihren eigenen Erfahrungen eine Geschichte dazu. Erst danach greifen sie auf ihr Wissen zurück. Ein Junge bemerkt, dass die Figur in der Mitte steht und Essen auf dem Tisch liegt, und folgert: Das ist Jesus. Die Mädchen widersprechen. Für sie ist Jesus auf diesem Bild eine Frau.
Niemand erklärt den Kindern das Gemälde. Sie sehen zuerst und wissen danach, und ihr Wissen ändert nichts daran, was sie gesehen haben. Für mich ist das die eigentliche Sehschule der Serie.
Das Buch folgte noch im selben Jahr: sieben nummerierte Essays, die man in beliebiger Reihenfolge lesen kann. Vier verbinden Text und Bild, drei bestehen nur aus Bildern. Allein in Großbritannien wurde es bis 2022 rund anderthalb Millionen Mal verkauft. Sein erster Satz beschreibt, was die Kinder vorgeführt haben: „Seeing comes before words.“ Das Sehen kommt vor den Worten.

Bevor John Berger über Kunst schrieb, zeichnete er
Der Satz vom Sehen vor den Worten ist bei Berger keine Theorie. Dazu beschreibt er seinen eigenen Weg. Mit sechzehn begann er ein Kunststudium an der Central School of Arts and Crafts in London, wurde jedoch 1944 eingezogen. Nach dem Krieg studierte er an der Chelsea School of Art weiter und arbeitete anschließend mehrere Jahre als Maler und Zeichenlehrer. Eine Universität besuchte er nie.
Er kam also von der Werkbank zur Kritik, nicht umgekehrt. Das ist mehr als ein biografisches Detail. Wer zeichnet, muss hinsehen, bevor er etwas behaupten kann.
Auch seine Zeit bei der Armee gehört zu dieser Schule. Als Soldat trifft Berger zwischen 1944 und 1946 zum ersten Mal Arbeiter seiner Generation, und er schreibt für sie Briefe an ihre Eltern und Freundinnen. Er hört zu, bevor er schreibt. Hinsehen und Zuhören kommen bei ihm vor jeder Politik.
Ab etwa 1951 schreibt er für den „New Statesman”. In den folgenden zehn Jahren ist er als Kritiker am einflussreichsten. 1958 erscheint sein erster Roman A Painter of Our Time. Bereits in diesem Werk verbindet er Gesten, Szenen und persönliche Erzählungen mit linker Kunsttheorie. Diese Mischung prägt später auch die Serie.
Ways of Seeing ist deshalb keine plötzliche Erfindung von 1972, das Muster war bereits ein Jahrzehnt zuvor vorhanden. Die Serie verdichtet eine Praxis und die Theorie kommt bei Berger nachträglich. Für die Frage, wie man genau hinsieht, ist das der wichtigste Befund dieser Biografie. Am Anfang stand bei ihm kein Begriff. Am Anfang stand die Hand, die Gesehenes (be)schreibt.
She is not naked as she is.
John Berger (Ways of Seeing, S. 50)
She is naked as the spectator sees her.
Das bekannteste Kapitel des Buchs handelt von Frauen in der Malerei. Bergers Kernsatz ist so knapp wie ein Slogan: „Men act, women appear. Men look at women. Women watch themselves being looked at.” Männer handeln, Frauen erscheinen. Männer sehen Frauen an. Frauen sehen sich selbst dabei zu, wie sie angesehen werden.
Berger beschreibt eine Spaltung, die durch die Frau selbst geht. Sie ist zugleich „the surveyor and the surveyed“, die Prüfende und die Geprüfte, wobei die Prüfende männlich ist. Der ideale Betrachter eines Gemäldes wird immer als Mann gedacht und das Bild der Frau soll ihm schmeicheln. Am deutlichsten zeigt Berger dies am Beispiel des Spiegels. Der Maler malt eine nackte Frau, weil er sie gern ansieht. Dann gibt er ihr einen Spiegel in die Hand und nennt das Bild „Vanity“, Eitelkeit (S. 51). Damit verurteilt er die Frau, deren Nacktheit er zu seinem eigenen Vergnügen gemalt hat.

Drei Jahre später, im Jahr 1975, prägte die Filmtheoretikerin Laura Mulvey in ihrem einflussreichen Aufsatz „Visual Pleasure and Narrative Cinema” den Begriff „male gaze” (zu Deutsch: „männlicher Blick”). Berger hatte die Analyse zu diesem Thema bereits geliefert.
Über Werbung und Neid –
lange vor Instagram & Co.
Den Bogen zur Gegenwart schlägt er selbst im letzten Essay über Werbung (S. 132 ff.). Das Thema der vierten Folge entstand erst während der Dreharbeiten, als ihm in der U-Bahn Plakate auffielen. Werbung, so Berger, verspricht kein Vergnügen, sondern Glück: „Happiness as judged from the outside by others.“ Beneidet zu werden, ist Glamour, und Werbung ist die Herstellung von Glamour. Die Käuferin soll sich selbst beneiden, so wie sie nach dem Kauf sein wird. Das Werbebild stiehlt ihr die Liebe zu sich selbst, so wie sie ist, und bietet sie ihr zum Preis des Produkts wieder an.
The purpose of publicity is to make the spectator
John Berger (Ways of Seeing, S. 142)
marginally dissatisfied with his present way of life.
Ich lese diese Seiten heute nicht als Kunstgeschichte. Ich lese sie als Beschreibung des Feeds. Die Frau, die sich unablässig selbst betrachtet, braucht keinen gemalten Spiegel mehr. Sie hat eine Frontkamera. Und das Versprechen, durch einen Kauf beneidenswert zu werden, erreicht auf Instagram inzwischen jeden Monat drei Milliarden Menschen.
Sehen ist nie unschuldig
Wer Bilder befragt, muss auch die eigenen befragen. Berger tut das vor laufender Kamera. Er zeigt offen, dass seine Sendung eine Montage ist, und fordert die Zuschauer dazu auf, ihr zu misstrauen: „please remain skeptical of it“. Die Schieflage des Mediums benennt er gleich mit: „You cannot reply to me.“ Er spricht, das Publikum schweigt. Damit legt er an sich selbst den Maßstab an, den er an die Gemälde anlegt. Auch hier bestimmt eine Person, was gesehen wird. Olivia Laing hat ihn deshalb mit dem Dokumentarfilmer Adam Curtis verglichen (The Guardian, 2022), da Berger mit der Serie einen Höhepunkt kreativer Freiheit im Fernsehen markierte.
Die zweite Folge liefert die Gegenprobe. Am Ende überlässt Berger das Gespräch über den weiblichen Akt fünf Frauen. Sie sprechen über ihr Verhältnis zu diesen Bildern und Berger hört zu. Für das Fernsehen von 1972 ist das sehr viel. Ihre Namen erfährt man trotzdem erst im Abspann. Solange sie sprechen, bleiben sie Gesichter ohne Namen, betrachtet von einem Publikum, das nicht weiß, wer sie sind.
Sehen ist nie unschuldig, auch nicht das Sehen dessen, der es gerade erklärt. Berger hat dieses Muster durchschaut, ist ihm in seiner eigenen Sendung aber trotzdem nicht ganz entkommen.
Die Pinnwand, die das Museum ersetzen sollte, heißt heute Feed.
In seinem ersten Essay beschreibt Berger eine Pinnwand. Die Mittel der Reproduktion würden, so Berger, politisch und kommerziell genutzt, um zu verschleiern, was sie möglich machen. Manche Menschen nutzen sie jedoch anders. So haben Erwachsene und Kinder manchmal Tafeln in ihren Schlaf- oder Wohnzimmern, an die sie Briefe, Schnappschüsse, Reproduktionen von Gemälden, Zeitungsausschnitte, eigene Zeichnungen und Postkarten heften. Auf jeder Tafel sind die Bilder ungefähr gleichrangig, da sie ganz persönlich ausgewählt wurden – passend zur Erfahrung dessen, der in dem Zimmer lebt. Berger folgert: „Logisch betrachtet sollten diese Pinnwände Museen ersetzen.“
Diese Liste liest sich wie das Inventar meiner Notizbücher. Seit ich etwa zehn bin, sammle ich Schnappschüsse, Zeitungsausschnitte und eigene Skizzen. Heute fülle ich außerdem Pinterest-Boards mit Gesehenem. Die Notizbücher halten fest, was ich gesehen habe. Die Boards halten das ebenfalls fest und schlagen mir zudem vor, was ich als Nächstes sehen soll.
Bergers Pinnwand heißt heute „Feed” und hat das Museum tatsächlich ersetzt. Nur wählt dort nicht mehr allein aus, wer sie füllt. Der Feed folgt der Mechanik, die Berger in seinem letzten Essay zerlegt hat: Glamour als hergestellter Neid. Der Kunstkritiker Ben Davis hat diese Verbindung bereits 2014 in einem Text mit dem Titel „Ways of Seeing Instagram“ gezogen.
A mechanical device, the camera has been used as an instrument to contribute to a living memory. The photograph is a memento from a life being lived.“
John Berger (Uses of Photography)
In seinem 1978 erschienenen Essay „Uses of Photography“ untersucht Berger das Wesen des fotografischen Bildes und seine Rolle in der modernen Gesellschaft. Berger unterscheidet dabei zwei Arten der Fotografie. Das private Foto bleibt in einem gelebten Zusammenhang, es ist „ein Andenken an ein gelebtes Leben“. Das öffentliche Foto hingegen ist „torn from its context“, aus seinem Zusammenhang gerissen, und wird zu einem toten Objekt. Instagram hebt diese Trennung auf. Das private Bild wird öffentlich und zur Ware. Mit KI-generierten Bildern kommt eine dritte Stufe hinzu: Bilder, die nie einen gelebten Zusammenhang hatten. Sie sind nicht aus einem Leben gerissen. Sie stammen aus keinem.
Berger irrte sich nicht mit seiner Diagnose. Er irrte sich jedoch in seiner Hoffnung. Er glaubte, dass man sich der Manipulation entziehen könne, wenn man ihre Regeln durchschaue. Heute sind seine Begriffe Allgemeingut – vom „male gaze“ bis zur Kritik am Glamour. Allerdings sind Algorithmen schneller als jede Analyse. Gegen ein Bild, das in Sekunden erzeugt und geteilt wird, hilft kein im Nachhinein gelesener Essay.
Genau hinsehen lernt man durch Übung, nicht durch Theorie
Im Jubiläumsjahr feiern alle den Kritiker der Bilder. Kaum jemand fragt, warum der Mann, der die Reproduktion durchschaut hatte, aufs Dorf ging und zeichnete.
1962 verlässt Berger England, zuerst Richtung Genf. Ab 1974 lebt er in Quincy, einem Weiler der Gemeinde Mieussy in der Haute-Savoie. Er hilft bei der Ernte und beim Vieh. Aus diesen Jahren entsteht die Trilogie „Into Their Labours“ mit „Pig Earth“ (1979), „Once in Europa“ (1987) und „Lilac and Flag“ (1990). Er sieht den Bauern bei der Arbeit zu, bevor er über sie schreibt, wie er als Soldat zugehört hatte, bevor er Briefe schrieb.
Das Zeichnen hat er nie aufgegeben. In der Basler Villa Renata war bis Ende Oktober unter dem Titel „Go Closer“ die erste große Ausstellung zu sehen, die ihn als bildenden Künstler zeigt, bis zu den Blumenzeichnungen aus seinen letzten Lebensmonaten. In einem Interview mit der ZEIT von 2007 beschreibt er das Zeichnen als einen Vorgang, bei dem nichts ausgesprochen wird, als „eine Art des Gebetes“.
Darin liegt die Antwort auf die Frage, wie man genau hinsieht. Die Schärfe von Ways of Seeing kommt aus der Theorie. Sie hat 1972 Kenneth Clark herausgefordert, und sie trägt bis heute, wenn es um den männlichen Blick und den Neid der Werbung geht. Was bleibt, kommt aus der Praxis. Wer zeichnet, muss hinsehen, bevor er etwas behaupten kann. Wer zuhört, muss warten, bis der andere fertig ist. Beides lässt sich nicht beschleunigen. Ein KI-Bild entsteht in Sekunden. Eine Zeichnung braucht so lange, wie das Hinsehen dauert.
Bergers Vermächtnis ist nicht seine Theorie. Es ist die Gewohnheit, genau hinzusehen.
Ich habe nach einer Sehschule gesucht und ein Buch gefunden, das mich zu einem Zeichner geführt hat. Auf Tanja Stelzers Frage „Wie aber geht das: Genau hingucken?“ antwortet Berger nicht mit einer Regel. Er antwortet mit einem Beispiel. Man sieht hin, hält fest, was man gesehen hat, und tut es am nächsten Tag wieder.
Die Sehschule, nach der ich gesucht habe, besitze ich, seitdem ich etwa zehn Jahre alt bin. Es sind meine Notizbücher mit Fotos, Zeitungsausschnitten und Skizzen. Ich schlage sie bis heute immer wieder auf. Anders als meine Boards schlagen sie mir nichts vor. Sie zeigen mir nur, was ich gesehen habe.
