Erstellt mit ChatGPT und canva.com

kultur*letter #35

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Herzlich willkommen zurück, liebe kultur*Freundinnen und Freunde!

Der Oktober ist da. Im Kalender zumindest. Bei mir fühlt er sich in diesen Tagen noch eher nach Spätsommer an: 27 Grad, offene Fenster, lange Spaziergänge und dieses etwas irritierende Gefühl, dass die Jahreszeit ihrer eigenen Ankunft widerspricht.

Eine kleine Einstimmug in den Herbst und den Oktober

Gleichzeitig wird es in der Kulturwelt schon wieder eng. Die neue Ausstellungssaison nimmt Fahrt auf, die Theaterhäuser öffnen ihre Spielpläne, im Kino beginnen die ersten Filme, um unsere Aufmerksamkeit zu kämpfen, und auf den Schreibtischen liegen mehr Bücher, als ein Mensch in einer Woche lesen kann. Der Oktober kommt nicht langsam. Er kommt mit zahlreichen Einladungen.

Vielleicht ist das seine eigentliche Zumutung. Nicht, dass zu wenig geschieht, sondern dass ständig mehr geschieht, als wir aufnehmen können. Jeder Veranstaltungskalender verspricht Möglichkeiten, aber niemand spricht darüber, dass Auswahl auch Verzicht bedeutet. Wer überall dabei sein will (FOMO), verliert irgendwann den eigenen Blick.

Deshalb möchte ich in diesem kultur*letter nicht versuchen, den Oktober vollständig abzubilden. Das wäre ohnehin unmöglich. Ich möchte dir einige Orte, Bücher, Filme und Gespräche zeigen, bei denen sich in der kommenden Woche ein genaueres Hinsehen lohnt. Dinge, die nicht einfach den Kalender füllen, sondern eine Frage mitbringen.

Der Oktober darf warm beginnen. Die Kultur muss deshalb nicht oberflächlich werden. Zwischen Ausstellungen, Bühnen, Literatur, Kino und Debatten geht es in dieser Ausgabe um die Kunst der Auswahl: darum, wohin wir unsere Zeit geben, welchen Stimmen wir zuhören und was wir nicht an uns vorbeiziehen lassen wollen. Los geht’s.

Austellungen: Drei Eröffnungen, drei Fragen an die Moderne

Winold Reiss: Harlem Girl with Blanket, ca. 1925 [Harlem-Mädchen mit Decke]

Das Museum Ludwig in Köln feiert sein 50-jähriges Bestehen mit einer großen Ausstellung zur Kunst der internationalen Schwarzen Diaspora: Along the Color Line. Spuren einer transatlantischen Moderne. Moderne und zeitgenössische Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Literatur und Musik treten in einen Dialog mit Werken aus der Sammlung des Museums.

Im Mittelpunkt stehen die Verbindungen zwischen Europa, Afrika und Amerika. Die Ausstellung fragt, wie Schwarze Künstler:innen die europäische Moderne wahrgenommen, weiterentwickelt und sich ihr widersetzt haben. Zugleich wird sichtbar, wie lückenhaft die Perspektive vieler europäischer Sammlungen noch immer ist. Along the Color Line ist deshalb keine Ergänzung zur klassischen Moderne, sondern eine Korrektur ihrer Erzählung. Sie zeigt, dass die Kunstgeschichte nie so geschlossen und ausschließlich europäisch war, wie Museen sie lange präsentiert haben.
Museum Ludwig, Köln
3. Oktober 2026 bis 7. März 2027

Lovis Corinth, Junge Frau mit Katzen, 1904, © Hilti Art Foundation, Foto: Günter König

Das zweite Ausstellungs-Highlight ist die Eröffnung von „Lovis Corinth. Dann kam Berlin!„ in der Berlinische Galerie in Berlin am Donnerstag, 8. Oktober 2026, 19 Uhr, Eintritt ist frei, ohne Anmeldung.
Lovis Corinth kam 1901 aus München nach Berlin und entwickelte dort den freien, expressiven Malstil, für den er heute bekannt ist. Die Berlinische Galerie zeigt rund 80 Werke von Corinth sowie etwa 30 Arbeiten seiner Schüler:innen und Zeitgenoss:innen.
Die Ausstellung blickt dabei über die bekannte Künstlerbiografie hinaus. Sie widmet sich Corinths Malschule, an der vor allem Frauen studierten, und seiner Verbindung zur Berliner Theaterwelt. Zu seinen Schüler:innen gehörten Charlotte Berend, seine spätere Ehefrau, Minna Tube, die erste Ehefrau Max Beckmanns, und August Macke.
Corinth war Maler, Lehrer, Netzwerker und Theatermensch. Gerade diese Verbindungen machen die Ausstellung interessant: Sie erzählt die Berliner Moderne nicht als Abfolge einzelner Genies, sondern als Geflecht aus Schulen, Freundschaften, Bühnen, Ehen und Arbeitsbeziehungen. Auch die Frage, welche Wege Frauen damals überhaupt offenstanden, eine künstlerische Ausbildung zu erhalten und sich als Künstlerinnen zu etablieren, gehört dazu.

Die Ausstellung präsentiert rund 80 Werke Corinths sowie etwa 30 Arbeiten seiner Schüler*innen und Zeitgenossen, darunter Charlotte Berend-Corinth, Minna Beckmann-Tube, August Macke und Max Slevogt. Neben Gemälden aus der Sammlung der Berlinischen Galerie werden hochkarätige Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen gezeigt. 
Mein Tipp: Die Wochenendführungen finden samstags um 15 Uhr sowie sonntags um 15 Uhr und 16:15 Uhr statt. Sie sind im Museumseintritt enthalten, eine Anmeldung ist nicht erforderlich, aber es ist ratsam immer mindesten 30 Minuten vorher schon da zu sein.
Berlinerische Galerie, 9. Oktober 2026 bis 25. Januar 2027.

„Rhinocerus“ von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1515

Die dritte Ausstellungseröffnung für heute ist „DÜRER für hessische Fürsten“ auf Schloss Wilhelmshöhe in Kassel.
Ich bin ein Dürer-Fan, seit ich fünf oder sechs Jahre alt war. Damals schenkte mir meine Mutter ein Kinder-Malbuch, das mir Dürer und seine Werke vorstellte. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Titel. Aber ich erinnere mich an die Bilder und an die Faszination, die dieses Buch bei mir ausgelöst hat.
Besonders beeindruckt hat mich Dürers Rhinozeros. Dieses sonderbare, gepanzerte Tier kam mir schon damals wie ein Wesen aus einer anderen Welt vor. Ich habe oft versucht, das Malbuch gebraucht oder in einem Antiquariat wiederzufinden. Bis heute ohne Erfolg. Ich suche weiter.
Erst viel später habe ich erfahren, dass Dürer das Rhinozeros nie selbst gesehen hatte. Sein Holzschnitt von 1515 entstand nach einer schriftlichen Beschreibung und einer Skizze. Für die kindliche Faszination war dieses Wissen nicht nötig. Das Bild hatte mich längst erreicht.
Meine letzte Dürer-Ausstellung habe ich 2023 im Berliner Kupferstichkabinett gesehen. Auch dort blieb mir das Rhinozeros besonders im Gedächtnis. Nun freue ich mich auf die Ausstellung in Schloss Wilhelmshöhe, die Dürers Werke im Zusammenhang fürstlicher Sammlungen zeigt. Zu sehen sind mehr als 130 Arbeiten, darunter die „Melencolia I“, die „Apokalypse“ – und das berühmte „Rhinozeros“.
Die Ausstellung läuft vom 9. Oktober 2026 bis 17. Januar 2027 im Schloss Wilhelmshöhe, Schlosspark 1 , 34131 Kassel.


Bühne & Konzerte: Happy Birthday, Sting!

Sting ist am Freitag, 2. Oktober, 75 Jahre alt geworden. Seine Musik begleitet mich seit Langem, und sie trifft mich noch immer unmittelbar: manchmal reicht ein erster Ton, und schon ist sie da, diese Gänsehaut. Das gilt für die großen Songs von The Police ebenso wie für seine Solostücke.

Sting im Rijksmuseum für Sounds Like Art

Ein besonderes Highlight wäre für mich sein Konzert im Amsterdamer Rijksmuseum gewesen. Karten dafür zu bekommen, war damals nahezu unmöglich. Sting spielte dort für die ARTE-Reihe „Sounds Like Art“ ein intimes Akustik-Set zwischen Werken von Rembrandt, Vermeer und Judith Leyster, begleitet von seinem langjährigen Gitarristen Dominic Miller.

Zum Glück lässt sich dieses Konzert nun auch von zu Hause aus besuchen: „Sting – Sounds Like Art: Rijksmuseum Amsterdam“ ist bei ARTE abrufbar, noch bis zum 2. Juni 2027. Ein sehr schöner Anlass, Sting nachträglich zu feiern.


Literatur & Literaturpreise

Mock-up mit ChatGPT erstellt.

Diese Woche wurden zwei Schriftstellerinnen ausgezeichnet, deren Bücher sich mit den unangenehmen Seiten der Gesellschaft beschäftigen. Anne Carson erhielt am 8. Oktober den Literaturnobelpreis für ein Werk, das im Dialog mit der Antike neue literarische Formen schafft. Drei Tage zuvor , am 5. Oktober, gewann Shida Bazyar den Deutschen Buchpreis für Die Lücken, einem Roman, der sich mit fast hundert Jahren deutscher Geschichte in einem Hunsrückdorf auseinandersetzt.

Bazyar führt uns darin nach Heimesbach, einem fiktiven Ort, der ihrem Heimatort Hermeskeil nachempfunden ist. Die Jury fragt: Kann man dort heimisch sein? Es waren Nachbarn, die zusahen, wie jüdische Menschen aus den Straßen verschwanden. Und es sind Nachbarn, die heute mitentscheiden, ob sich Menschen mit Migrationsgeschichte zu Hause fühlen. Fast hundert Jahre deutsches Leben laufen durch einzelne Schicksale. Eine tote Erzählerin blickt auf das Dorf, die Zeiten springen kaleidoskopisch, Erfundenes steht neben Dokumentarischem und historische Figuren bekommen selbst eine Stimme. Die Jury nennt das einen „Roman gegen Gleichgültigkeit“. Ich finde diesen Satz treffend, da er das Wegsehen als Entscheidung benennt.
Die Lücken, Kiepenheuer&Witsch, erschienen am 3. September 2026, 512 Seiten, gebundene Ausgabe 25,00 Euro.

Carsons „Nox“ ist ein Buch, das man zuerst in die Hand nimmt, bevor man es liest. Es ist ein Epitaph in Buchform, ein Faksimile des handgefertigten Buches, das Carson nach dem Tod ihres Bruders angefertigt hat. Alte Briefe, Familienfotos, Collagen und Skizzen sind darin aufgeklebt, ergänzt durch am Computer getippte Gedichte.
Der Nobelpreis-Ausschuss beschreibt Carson als Autorin, deren Werk aus der Begegnung zwischen der „Besessenheit der Philologin für Wörter” und dem Wunsch der Dichterin nach neuer Bedeutung entsteht. Im Mittelpunkt steht ihre Übersetzung von Catulls Gedicht 101, das sie für ihren Bruder schrieb, der in der Troas starb. Trauer wird hier nicht erklärt. Man muss sie auffalten. Carson lässt die Überlieferungen nicht unberührt, aber sie glättet ihre Risse auch nicht. Auch ihre Übersetzungen von Sapphos Fragmenten in „If Not, Winter“ (2002) werden als eigenständige literarische Werke verstanden. Carson lässt Leerstellen und Brüche der Überlieferung sichtbar, statt sie zu kaschieren.


Für mich liegt ihre Kühnheit genau darin, dass sie der Form zutraut, denken zu können. Ich habe mir auch gleich eine Ausgabe bestellt. Allerdings dauert die Reise zu mir noch etwas. Ich genieße also die Vorfreude!
NOX, Norton & Company, erschienen 1. April 2010, 192 Seiten, gebundene Ausgabe, 55,95 Euro.


Was verbindet die beiden Autorinnen und ihre Bücher? Beide lassen die Lücke stehen. Bazyar legt frei, was ein Dorf lieber vergessen hätte. Carson zeigt, dass sich ein Verlust nicht zu einer glatten Geschichte schließen lässt.

Debatten & Diskurse: KI lieben und trotzdem widersprechen?

Erstellt mit ChatGPT.

Ich nutze KI. Nicht gelegentlich und nicht widerwillig, sondern viel und mit Begeisterung. Perplexity ist beispielsweise mein täglicher Recherche-Begleiter. Gemini Notebook hilft mir dabei, Notizen und Quellen zu ordnen und Themenstränge zu verfolgen. Claude unterstützen mich beim Strukturieren und manchmal auch dabei, mich zu ermutigen, wenn ein Text sich weigert, Form anzunehmen. ChatGPT nutze ich gerne für Bilder und kreatives Brainstorming, DeepL für Übersetzungen. Mit Claude und Cursor habe ich mir sogar eine eigene Online-Bibliothek, ein persönliches Journal im redaktionellen Sinn sowie kleine Plug-ins für meine Website gebaut. An Stellen, die mir layoutmäßig nicht mehr gefielen, habe ich selbst Hand angelegt, unterstützt von der KI, die mir Codes vorschlägt, die ich prüfe, verwerfe oder anpasse. Hier spricht also jemand, der diese Werkzeuge liebt und ihre Hilfe täglich spürt. Gerade deshalb interessiert mich besonders, was Timnit Gebru in Bezug auf KI sagt. Sie hat 2026 den Right Livelihood Award, auch Alternativer Nobelpreis genannt, erhalten.

Gebru ist Informatikerin, Gründerin des Distributed AI Research Institute und eine der schärfsten Kritikerinnen der aktuellen KI-Entwicklung. Ihre Kritik richtet sich jedoch nicht gegen Technologie als solche. Sie richtet sich vielmehr gegen die Vorstellung, KI sei eine zwangsläufige, alternativlose Entwicklung, die von wenigen Konzernen definiert werden müsse. Sie kritisiert die fehlende Verantwortlichkeit sowie die Verlagerung konkreter Probleme in eine spektakuläre Zukunftserzählung über Superintelligenz.


Das war es für diese Ausgabe. Viel Freude beim Lesen und mit den Kulturtipps der Woche! Genießt die Zeit, um ins Kino oder Theater zu gehen, ein Konzert zu besuchen oder bei einer Lesung euer neues Lieblingsbuch zu entdecken. Bis zur nächsten Ausgabe! Bleibt neugierig und zugewandt!


KI-Transparenz-Hinweis.

Ruth-Janessa Funk

Ich schreibe über Kultur und Gesellschaft sowie die leisen Verschiebungen dazwischen – immer neugierig und mit eigener Haltung. Ich freue mich, dass du da bist.

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