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kultur*letter #34

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Herzlich willkommen zurück, liebe kultur*Freundinnen und *Freunde!

Bye-bye, Sommer! Diese Woche ist es ganz offiziell Herbstanfang – mit Datum und Kalenderblatt. Den eigentlichen Einschnitt gab es jedoch schon vorher: Drei Wahlen im September mit drei Ergebnissen, die das Land laut allen Prognosen verändern sollten. Ich habe die Nachrichten, die Hochrechnungen und die Analysen danach verfolgt. Und trotzdem ging am Montag wieder alles seinen gewohnten Gang. Es gab keinen Riss in der Fassade und keinen Moment, in dem irgendjemand stehen blieb.

„Wo ist eigentlich der Knall?“, habe ich meinen Sohn Victor gefragt. „Wieso Knall?“, meinte er. In anderen Ländern vollzieht sich Geschichte auch leise, ohne Knall, ohne das Gefühl, dass jetzt gleich etwas kippt. Vielleicht berührt mich diese Entwicklung auch stärker, weil Deutschland hier schon seine eigene Vergangenheit dazu hat. Oder liegt es daran, dass gerade eh alles so laut und so viel ist? Wir merken den Umbruch nicht am Tag, an dem er passiert, sondern wahrscheinlich erst Jahre später, wenn wir zurückschauen und uns fragen: Wo waren wir da eigentlich?

Gleichzeitig spüre ich eine Art Taubheit. Egal, ob es um KI, den Arbeitsmarkt, Russland oder die AfD geht – die Bedrohungslage ist mittlerweile so dicht geworden, dass ich kaum noch unterscheiden kann, worüber ich mich zuerst Sorgen machen sollte. Aus psychologischer Sicht ist das kein Zufall. Wer Krisen im Dauerbetrieb erlebt, schaltet irgendwann ab. Schon im 19. Jahrhundert zogen sich die Menschen unter einem autoritären Herrschaftssystem in ihre Wohnzimmer zurück, ins sogenannte Biedermeier-Zimmer, während die Politik draußen unkontrollierbar blieb.

Genau diese Diskussion hatte ich tags darauf mit meinem Freund Werner. Jeder zieht sich in seine eigene Welt zurück, die ist zumindest einigermaßen sicher. Ich verstehe diesen Reflex. Ich glaube aber nicht, dass er uns im Jahr 2026 weiterbringt. Was hilft, ist nicht Rückzug, sondern Selbstwirksamkeit: die schwierigen Entscheidungen treffen und zu ihnen stehen, wenn Kritik kommt. Die unbeliebte Aufgabe zu übernehmen, statt nur zu jammern, wie schlimm alles gerade ist. Widersprechen, wenn am Nachbartisch ein rassistischer Witz fällt. Sich ein Ehrenamt zutrauen. Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen. Unsere Angst oder Sorge verschwindet dadurch nicht. Aber wir hören auf, ihr nur zuzuschauen.


Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nationalsozialist oder der überzeugte Kommunist, sondern der Mensch, für den die Unterscheidung zwischen Tatsachen und Fiktion (d.h. der Wirklichkeit des Erlebens) sowie die Unterscheidung zwischen wahr und falsch (d.h. den Maßstäben des Denkens) nicht länger existieren.

HANNAH ARENDT, Politische Theoretikerin

Mit diesem Blick geht es heute weiter – durch die kommende Woche und das, was uns am Wochenende alles erwartet.

Ausstellungs-Highlight mit Fokus auf Düsseldorf

Diese Woche ist Düsseldorf der Hotspot-to-be! Gleich drei Häuser spielen ihre Karten aus.

Fast zwei Jahrzehnte nach seinem Tod zeigt der Kunstpalast ab dem 25. September die erste umfassende Retrospektive zu Jörg Immendorff (1945–2007). Passend findet die Ausstellung in der Stadt statt, in der er studierte, lehrte und arbeitete. Rund 120 Werke, von Gemäldeserien bis zu bislang unveröffentlichtem Archivmaterial aus dem Nachlass, zeichnen das Leben und Werk eines Künstlers nach, der sich selbst als „Malerfürst” inszenierte und mit seinem Lebensstil immer wieder für Kontroversen sorgte. Dies blendet die Schau nicht aus. Sie stellt die Frage, die Immendorff selbst nie beantwortet hat: Welche Rolle dürfen Kunstschaffende in der Gesellschaft einnehmen, wenn ihr Werk und ihr Leben so wenig zusammenpassen? („Immendorff“, Kunstpalast Düsseldorf, 25.09.2026–10.01.2027)

Im gleichen Gebäude findet auch seit dem 10. September die „Niki de Saint Phalle: „Dream Machine“-Ausstellung statt. Die Ausstellung zeigt über 100 Werke und betont nicht nur die „Nanas“, sondern Saint Phalles Kampf gegen gesellschaftliche Weiblichkeitsnormen. Die Kuratorin formuliert explizit: „Rollenverhältnisse verändern und die weiblichen Themen in den Vordergrund stellen.“

Bereits im kultur*letter #32 habe ich die Ausstellung „Die Suche nach einer besseren Welt“ von Franz Marc im K20, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, angekündigt. Es ist die erste monografische Marc-Schau in Deutschland seit über zwanzig Jahren. Seitdem streiten die Feuilletons, ob seine Tierbilder eine spirituelle Utopie zeigen oder eine Fluchtbewegung vor der Moderne darstellen. In einer Woche, in der ich selbst nach Halt suche, finde ich diese Frage bemerkenswert aktuell: Tröstet uns Kunst nur oder kann sie tatsächlich eine bessere Welt entwerfen? Ich glaube, sie kann beides gleichzeitig, und genau das macht die beiden Ausstellungen in Düsseldorf so sehenswert.
K20, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Grabbeplatz 5, 40213 Düsseldorf. Am besten online Zeitfenster-Tickets kaufen.

Ein Tipp der anderen Art, der dennoch zu den Ausstellungstipps passt, ist die Sparda-Lounge im K21. Die Eröffnung war bereits am 20. September. Die K21 Sparda-Lounge in der Glaskuppel des K21 im Ständehaus in Düsseldorf ist ein neuer, dauerhaft kostenfreier Ort zum Lesen, Entspannen, Arbeiten und Verweilen – ganz ohne Museumsticket. Es gibt Kopfhörer-Playlists von Künstler:innen, Magazine zur Gegenwartskultur und bewegliche Möbel unter der Kuppel. Spannender als das Sofa ist das Programm dahinter. Bei „K21 Guests” spricht Chefkurator Kolja Reichert mit Musiker:innen, Forscher:innen und Creator:innen über Erfolge und Fehler – und das Publikum ist eingeladen, sich zu beteiligen. Sonntags gibt es zusätzlich Yoga unter der Kuppel; die ersten beiden Termine sind bereits ausgebucht. Wer teilnehmen möchte, kann eine Woche im Voraus über den Shop der Kunstsammlung buchen.

Heute ist noch ein Blick über den Atlantik nötig, weil das Ereignis zu groß ist, um es zu ignorieren: In Los Angeles hat diese Woche das Lucas Museum of Narrative Art eröffnet, George Lucas‘ Lebensprojekt für das, was er „die Kunst des Volkes” nennt. Ein Museum, das ausschließlich erzählende Bilder zeigt – von Comic-Kunst bis zu klassischer Malerei – ist auch eine Aussage: Geschichtenerzählen ist eine Kunstform, die einen eigenen Palast verdient. Für die europäische Museumslandschaft ist das eine Steilvorlage, über die sich streiten lässt.

Courtesy Lucas Museum of Narrative Art. Photo by Hufton+Crow.

Weitere Ausstellungs-Tipps der neusten Ausstellungen findet ihr als Überblick für ganz Deutschland in meinen Ausstellungs-Highlight September 2026.

Theater & Bühne – Wenn Form selbst zur Politik wird

Genau vor hundert Jahren eröffnete Otto Falckenberg die Münchner Kammerspiele an der Maximilianstraße mit Büchners „Dantons Tod”. Anlässlich des Jubiläums „MK:100″ greift das Kollektiv Post Paradies unter der Regie von Lizzy Timmers denselben Stoff noch einmal auf – jedoch nicht als Neuinszenierung, sondern als das, was das Haus selbst eine „revolutionäre Spurensuche“ nennt. Die Premiere fand am 23. September statt, die Nachtkritik dazu trägt den vielsagenden Titel „Ein überbordender Spaß”.

Danton, Wiebke Puls, Foto: Armin Smailovic

Das ist die eigentliche Provokation dieses Abends. Während in fast jeder anderen Theaterdebatte gefragt wird, wie Bühnen auf Kürzungen und Rechtsdruck reagieren sollen – mit welchem Stoff, mit welcher Haltung, mit welcher Botschaft –, verweigert sich „Danton” dieser Logik komplett. Das Stück handelt weniger von der Französischen Revolution als vom Theater, das über sich selbst nachdenkt: über das eigene Scheitern, die eigene Wiederholung und den eigenen Anspruch, überhaupt etwas Politisches sagen zu können. Während andere Häuser Haltung durch Inhalt beweisen, tut dies dieser Abend durch Form.

Danton, Luisa Wöllisch, Wiebke Puls, Foto: Armin Smailovic

Ich finde diese Verweigerung bemerkenswert – gerade weil sie unbequem ist. Wer erwartet, dass Theater in Krisenzeiten Position bezieht, bekommt hier stattdessen eine Einladung, dem Theater selbst zu misstrauen. Das ist jedoch kein Rückzug ins Unpolitische. Es ist die These, dass Selbstreflexion manchmal die ehrlichere Form von Haltung ist als die vermeintlich klare Botschaft.
„Danton”, Münchner Kammerspiele (Schauspielhaus), weitere Termine: 27.09., 30.09., 04.10.

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Ruth-Janessa Funk

Ich schreibe über Kultur und Gesellschaft sowie die leisen Verschiebungen dazwischen – immer neugierig und mit eigener Haltung. Ich freue mich, dass du da bist.

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