Alex und ich telefonieren oft und lange. Sie sitzt in Berlin, ich befinde mich gerade in einer Art Diaspora, irgendwo in Nordrhein-Westfalen. Neulich ging es um die politische Stimmung im Land. Um all die Zukunftsutopien, die momentan im Umlauf sind. Um das Gefühl, dass diese Welt gerade irgendwie aus den Fugen geraten ist.
Am 15. September erschien in den USA das neue Buch „End Times Fascism: And the Fight for the Living World” von Naomi Klein und Astra Taylor dazu. Ihre Zukunftsutopien wirken inzwischen beängstigend realistisch. Ich habe das Buch bereits bestellt. Gelesen habe ich es noch nicht, da es erst am Freitag ankommt. Bislang kenne ich nur die INhalten aus den Wochen davor: Klein und Taylor im Gespräch mit der „New York Times“, mit „The Guardian“. Dazu ihre eigenen Beiträge auf Substack und Instagram. Vieles von dem, was jetzt folgt, ist mein eigenes Denken zu diesen Quellen und nicht nur zum Buch selbst.
Die Wirklichkeit hat die Satire überholt
Es gab einmal ein US-amerikanisches Satiremagazin namens „Mad “. Ich habe es als Jugendliche gerne gelesen. „Mad“ ging davon aus, dass die Welt der Erwachsenen und Mächtigen absurd ist, „Mad“ ging davon aus, dass die Welt der Erwachsenen und Mächtigen absurd ist, so absurd, dass es sich nicht lohnt, sie zu verstehen. Indem es diese Realität extrem überspitzte und ins Lächerliche zog, machte es das Chaos der modernen Welt für seine Leser:innen greifbar und erträglich. Was Klein und Taylor jetzt in ihrem Buch beschreiben, könnte glatt auf einem Titelblatt von „Mad” stehen. Nur dass es diesmal keine Satire ist.
Klein und Taylor geben dem Phänomen einen Namen
„End Times Fascism“. Endzeit-Faschismus. Ein Faschismus, der das Ende dieser Welt als gegeben annimmt, der seinen Frieden mit dem Kollaps gemacht hat und nur noch darum kämpft, wer ihn überlebt. Klein und Taylor untersuchen, wie sich christliche Fundamentalisten, Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley und Ethno-Nationalisten, drei Gruppen, die sich in fast allem widersprechen, zu einem apokalyptischen Bündnis zusammenschließen. Ihre These: Alle drei Gruppen glauben, dass eine Art reinigende Katastrophe bevorsteht, sei es durch die Erfüllung religiöser Prophezeiungen, durch eine außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz oder durch die vermeintliche Bedrohung von Einwanderung und kulturellen Wandel. Dieser neue Faschismus, so ihre Diagnose, hat sich mit dem Gedanken an den Kollaps arrangiert. Er will die Katastrophe nicht unbedingt verhindern. Er will bestimmen, wer sie übersteht, oder konkreter: wer sie überstehen darf.
Drei Lager, eine einzige gemeinsame Grundannahme
Religiöse Endzeitler lesen die Krisen der Gegenwart als Zeichen einer bevorstehenden göttlichen Entscheidung. Katastrophen sind für sie nicht nur Unglücke, sondern auch ein Beleg dafür, dass die Geschichte ihrem vorgesehenen Ende entgegengeht. Aus dieser Sicht ist es nicht die höchste Aufgabe, die Welt zu bewahren. Entscheidend ist, wer erlöst wird und wer als Feind, Sünder oder Hindernis gilt. Bei J. D. Vance zeigt sich, wie diese Sprache in die politische Öffentlichkeit gelangt. Im Gespräch mit dem christlichen Podcaster Bryce Crawford sagte er, er wäre nicht überrascht, wenn der Antichrist bereits unter uns sei. Das ist noch nicht automatisch faschistisch. Politisch brisant wird es dort, wo diese Sprache auf nationale Macht, Feindbilder und Grenzpolitik trifft.
Tech-Milliardäre formulieren ihre Apokalypse säkular. Ihre Erlösung heißt künstliche Superintelligenz, Marskolonie oder digitale Unsterblichkeit. Elon Musk arbeitet mit SpaceX genau an dieser Fluchtroute: einer dauerhaften Kolonie auf dem Mars für den Fall, dass die Erde als Lebensraum ausfällt. Jeff Bezos sieht die Menschheit im All als Ausweg aus der Stagnation auf der Erde und Peter Thiel nennt Cyberspace, Outer Space und Seasteading als Wege zu größerer Freiheit. Sam Altman, der Chef von OpenAI, drückt die Beiläufigkeit dieses Denkens am deutlichsten aus. Künstliche Intelligenz werde die Welt „wahrscheinlich” beenden, so Altman, aber in der Zwischenzeit würden großartige Unternehmen entstehen. In diesem Denken wird die Erde zum Übergangsstadium, das allenfalls noch als Rohstofflager nützlich ist, aber nicht mehr als gemeinsamer politischer Lebensort. Klein und Taylor bezeichnen die Rechenzentren, die diese Zukunft antreiben sollen, als „Denkmäler der Zukunftslosigkeit”.
Ethno-Nationalisten übersetzen dieselbe Krisenstimmung in eine Politik der Festung. Sie erzählen, die Nation sei durch Migration und innere Feinde existenziell bedroht. Ihre Antwort ist Abschottung: härtere Grenzen, engere Zugehörigkeit und Überwachung, die als Schutz verkauft wird. Klein und Taylor zeigen in ihrem Buch, wie diese Logik selbst dort auftaucht, wo sie nicht direkt als Faschismus benannt wird. Ein Beispiel ist Benjamin Netanjahu, der vom „gemeinsamen Kampf“ spricht, um „die Zivilisation gegen diese Barbaren“ zu verteidigen. Dieselbe Sprache von Reinheit und Bedrohung findet sich auch in rechtsextremen Parteien in den USA und auch in Europa wieder. Klein und Taylor beschreiben dieses Milieu insgesamt als politischen Unternehmerismus, der Katastrophen in Stimmen, Macht und autoritäre Infrastruktur verwandelt.
Glücksspiel und Spielsucht – genug ist nie genug!
Wenn ich mir die Zukunftsfantasien dieser drei Lager ansehe, muss ich an eine Mischung aus „Risiko”, „Monopoly” und „Die Siedler von Catan” denken. Die religiösen Endzeitler setzen alles darauf, zu den Erlösten zu gehören. Die Tech-Milliardäre setzen auf Rechenzentren, Raketen und eine Intelligenz, die alles überbieten soll. Die Ethno-Nationalisten setzen auf die Nation als letzten sicheren Hafen. Die Erde wird zum Spielfeld, die Menschheit zu Spielfiguren, Rohstoffe zu Ressourcenkarten und künstliche Intelligenz zum Joker, mit dem sich jede Niederlage noch wenden lässt.
Es handelt sich um eine kollektiv mächtig gewordene Allmachtsfantasie.
Selbst die Apokalypse hat etwas Spielerisches. Die alte Welt wird zerstört und anschließend beginnt eine neue Runde. Spiele haben noch einen weiteren Vorteil: Sie entlasten moralisch. Wenn jemand bei Monopoly die anderen Spieler:innen ruiniert, ist das Teil der Regeln. Die politische Übertragung dieser Logik erzeugt jedoch eine gefährliche Abstraktion. Gleichzeitig ist es auch eine radikale Form der Unreife. Das liegt nicht daran, dass diese Menschen kindisch oder unintelligent wären, das Gegenteil ist der Fall, sondern daran, dass sie die Begrenztheit der eigenen Perspektive nicht akzeptieren. Genau diese Unreife beschreibt auch mein Artikel über Robert Musils Definition von „Dummheit“, nur von einer anderen Seite aus. Die erwachsene Antwort auf eine Krise wäre: Abhängigkeiten anerkennen, Verantwortung übernehmen, gemeinsame Regeln schaffen, Verluste teilen und mit Unsicherheit leben lernen. Die kindliche Antwort lautet: Wenn das Spiel nicht nach meinen Regeln läuft, zerstöre ich das Spielbrett und baue ein neues.
Der Größenwahn hat einen Namen: narzisstische Zivilisationsfantasie
Der Größenwahn dieser Spieler besteht nicht nur darin, dass einige von ihnen glauben, dem Weltuntergang entkommen zu können. Dahinter steht eine psychologische Struktur, die sich als narzisstische Zivilisationsfantasie beschreiben lässt. Sie besteht aus vier Bausteinen. Die Selbstüberhöhung zur historischen Mission. Die Abwehr von Abhängigkeit. Die Verwandlung von Politik in Ingenieurskunst. Die Entmenschlichung der „Übrigen”.
Diese Menschen sind oft hochintelligent, das lässt sich schwer bestreiten. Aber ihre Intelligenz ist einseitig ausgebildet. Sie verstehen hochkomplexe technische Systeme, verkennen aber die soziale Wirklichkeit. Vier Fragen zeigen den Unterschied. Die intellektuelle Frage lautet: „Wie funktioniert dieses System?” Strategisches Denken fragt: „Wie gewinne ich darin?” Rationalität fragt: Soll dieses System überhaupt so funktionieren? Weisheit fragt: „Was geschieht mit denjenigen, die den Preis dafür zahlen?” Die Endzeit-Fantasie ist im ersten und zweiten Sinn hochintelligent. Sie versagt jedoch im dritten und vierten.
Die Lücke füllt der Mensch
Während ich mich mit dem Buch und dem Thema „Endzeit-Faschismus” beschäftigt habe, habe ich immer nach einer Denk-Lücke gesucht. Nicht die Frage, ob diese Eliten allein den Weltuntergang überleben wollen, sondern warum sie glauben, die Wirklichkeit müsse sich wie ein Spiel verhalten, bei dem sie die Gewinner sind. In ihren Katastrophenfantasien behandeln sie die Welt, als hätte sie keine eigene Widerständigkeit, keinen eigenen Willen mehr, als ließen sich Menschen dauerhaft zu ihren Spielfiguren machen. Aber genau das ist ein Irrtum, ein Denkfehler. Die Lücke in ihrer Rechnung füllen wir selbst, wir alle gemeinsam. Wir entwickeln Solidarität, Widerstand, Loyalität und eigene Ziele, Dinge, die sich nicht verrechnen lassen.
Die Lücke „im System“ des apokalyptische Fatalismus kann also nur der Mensch selbst sein.
Genau dieses „Wir“ benennen auch Klein und Taylor, nur sie nennen es eine „politics of hereness” (Politik des Hierseins). Es ist eine breite, solidarische und zugleich kämpferische Bewegung, die die gemeinsame Welt nicht aufgibt. Für sie beginnt der Kampf dort, wo die Grundannahme des apokalyptischen Fatalismus zurückgewiesen wird. Die Welt ist nicht verloren. „Hiersein” bedeutet, die eigene Abhängigkeit anzuerkennen, statt sie wegzuträumen, und gemeinsam Regeln aufzustellen, statt das Spielbrett umzudrehen, sobald man selbst zu verlieren droht. Ihre Gegenformel ist einfach, aber nicht harmlos: Eine gemeinsame Welt braucht eine gemeinsame Bewegung. Die Endzeit-Faschisten sind nicht allmächtig.
Diese Welt ist aus den Fugen geraten. Es reicht nicht mehr, die Endzeit-Faschisten à la „Mad“ zu belächeln und ihr Denken als Absurdität und Satire abzutun. Naomi Klein und Astra Taylor benennen in ihrem Buch die Geister. Doch jede Beschreibung der Apokalypse läuft auch Gefahr, ihren eigenen Sog zu verstärken, während sie ihn entlarven will. Es gibt die Angst, die Ware ist, und die Angst, die Erkenntnis ist. Die erste will uns fesseln, die zweite macht uns handlungsfähig. Wer das erkennt, spielt nicht mehr mit.