Vor eineinhalb Wochen fand in Düsseldorf eine Podiumsdiskussion über Journalismus statt. Ich fand die Runde wirklich gut. Die Themen, die Speaker:innen, das Gespräch auf der Bühne. Und dann, am Ende: „Gibt es noch Fragen aus dem Publikum?” Mein Kopf war noch mit dem gerade Gesagten beschäftigt. Keine Frage. Nichts. Ich hätte auch keine schlechte Frage stellen wollen, eine, die nur zeigt, dass man da war. Also schwieg ich.
Auf dem Weg nach Hause hatte ich plötzlich vier, fünf Fragen und das passiert mir nicht zum ersten Mal. Jetzt bin ich neugierig und will herausfinden: Wie stellt man gute Fragen? Was ist eigentlich eine gute Frage? Und wie kommt man in dem Moment darauf, in dem man sie noch stellen kann?
Antworten kommen schneller als Fragen entstehen
Wer heute eine Frage hat, bekommt schnell eine Antwort. KI-Systeme liefern sofort. Auch klassische Suchmaschinen liefern auf Abruf. Diese Systeme sind darauf ausgelegt, so schnell zu antworten, dass man noch nicht einmal fertig gedacht hat, was man eigentlich wissen will.
Die Qualität der Antwort hängt allerdings davon ab, wie gut die Frage gestellt wurde. Eine ungenaue Frage liefert eine ungenaue Antwort. Eine präzise Frage, bei der ich vorher wirklich durchgedacht habe, was ich will, liefert mir hingegen eine Antwort, die tatsächlich etwas öffnet. Denn die Frage ist nicht der Anfang des Denkens. Sie ist bereits ein Ergebnis davon.
Im Philosophiestudium erlebe ich das noch deutlicher. Dort ist das Formulieren einer Frage nicht die Vorstufe zur Aufgabe, sondern die Aufgabe selbst. Wer nicht weiß, wo er hinwill, bekommt keine Antwort. Er bekommt Rauschen.
Und genau das ist für mich oft das Problem bei solchen Veranstaltungen. Der Moment ist meist zu kurz, um mir darüber Klarheit zu verschaffen, was ich eigentlich noch wissen will.
Eine Frage ist kein Mangel
In meiner Lehrtätigkeit höre ich diesen Satz sehr oft: „Ich habe da noch eine Frage. Wahrscheinlich ist sie dumm …” Meine Antwort ist immer dieselbe. Es gibt keine dummen Fragen.
Und das meine ich nicht als Höflichkeitsformel. Eine Frage zeigt, dass jemand zugehört hat, dass etwas nicht verstanden wurde und dass ein Denkprozess stattgefunden hat. Das Gegenteil einer dummen Frage ist nicht die kluge Frage. Es ist die ungestellte Frage.
Der Philosoph Hans-Georg Gadamer hat das sehr treffend beschrieben. Eine Frage stellt etwas in die Schwebe. Sie nimmt einem Gegenstand seine Selbstverständlichkeit. Wer fragt, gibt zu, dass er etwas nicht weiß. Das ist jedoch keine Schwäche, sondern der einzige Weg, um zu einer neuen Erkenntnis zu gelangen.
Die Frage ist also nicht, ob man fragen darf. Sondern wie man überhaupt darauf kommt, was man fragen will.
„A beautiful question is an ambitious, yet actionable, question that can begin to shift the way we think about something.“ – Warren Berger (Autor von „The Book of Beautiful Questions“)
In seinem Buch „A More Beautiful Question” hat sich Warren Berger jahrelang mit der Kunst des Fragens beschäftigt und sie definiert. Eine Frage, die er in der deutschen Übersetzung stellt, lautet: „Eine schöne Frage ist eine ehrgeizige, aber umsetzbare Frage, die den Blick auf etwas verändern kann.“
Berger schlägt dafür eine Methode aus drei Schritten vor, die nicht nacheinander, sondern als stille Denkbewegung während des Zuhörens erfolgen. Warum ist das so? Was wäre, wenn es anders wäre? Und wie würde das konkret aussehen?
Ich probiere das hier einmal gedanklich für das Düsseldorf-Event aus. Das Thema auf der Bühne lautet: „Was ist Haltung im Journalismus?” Die erste Frage, die ich mir jetzt stelle, lautet: Warum braucht Journalismus überhaupt Haltung? Reicht Genauigkeit nicht aus? Das zwingt mich, die Prämisse der Diskussion zu hinterfragen, bevor ich ihr folge. Meine nächste Frage wäre dann: Was wäre, wenn Haltung im Journalismus keine Tugend, sondern ein Verkaufsargument wäre? Plötzlich kippt die Frage. Meine dritte Frage würde lauten: Wie würde ein Journalismus aussehen, der bewusst auf Haltung verzichtet? Das ist eine Frage, die ich wirklich stellen will.
Der entscheidende Punkt ist: Keine dieser Fragen entsteht im Moment, in dem der Moderator das Mikrofon freigibt. Sie entstehen während des Zuhörens, aber nur, wenn man mit einer Suchhaltung zuhört und nicht nur aufmerksam ist. Die Frage entsteht nicht am Ende einer Veranstaltung. Sie beginnt bereits mit der Einstellung, mit der man hineingeht.
Zuhören als Fragetechnik
Zuhören ist die aktivste Sache, die man tun kann, um gute Fragen zu stellen – egal, ob bei einer Lesung, bei einer Führung im Museum, im Hörsaal, in einem Diskurs oder in einem Gespräch unter Freunden. Wer mit einer Suchhaltung zuhört, hört anders. Er hört nicht nur, was gesagt wird. Sondern auch, was vorausgesetzt wird, was ausgelassen wird und was die Speaker nicht sagen, obwohl es die naheliegende nächste Frage wäre. Genau dort, in diesen Lücken, entstehen die interessantesten Fragen.
Bevor all das funktioniert, braucht es etwas, das sich weder trainieren noch erzwingen lässt: echte Neugier. Nicht die höfliche Aufmerksamkeit, die man aufbringt, weil man dabei ist. Sondern das echte Interesse daran, was man noch nicht weiß. Ich merke das an mir selbst. Bei Themen, die mich wirklich interessieren, entstehen Fragen fast wie von selbst. Bei langweiligen Themen muss ich mir das Interesse hingegen mühsam erarbeiten, egal wie aufmerksam ich zuhöre. Heute kann ich mir den Luxus erlauben, nicht mehr alles hören oder zuhören zu müssen.
Es ist wichtig, nicht aufzuhören zu fragen. Die Neugier hat ihre eigene Daseinsberechtigung. – Albert Einstein
Wenn etwas spannend ist und unsere Neugier weckt, müssen wir unsere Aufmerksamkeit bewusst umlenken, um an diese Lücken heranzukommen. Die meisten Menschen hören auf die lauten, offensichtlichen Kernbotschaften. Das ist das Vordergrundprogramm. Was im Hintergrund bleibt, ist das, was nicht gesagt wird, was stillschweigend vorausgesetzt wird und was die Redner:innen bewusst oder unbewusst auslassen. Die einzige Frage, die dabei wirklich hilft, lautet: Was fehlt hier?
Bin ich überhaupt neugierig genug?
Kinder können das noch. Sie gehen methodisch vor, weil ihnen die Welt noch fremd ist. Sie sind wie Reisende in einer unbekannten Stadt und nehmen Dinge wahr, die Einheimische längst nicht mehr sehen. Routine macht blind. Vorwissen auch.
Und dann ist da noch etwas, was ich auch von mir selbst kenne. Während ich zuhöre, baue ich gedanklich schon die clevere Frage zusammen. Das klingt jetzt vielleicht nach toller Vorbereitung. Es ist jedoch das Gegenteil der Fall. Wer an seinen Antworten auf noch nicht gestellte Fragen bastelt, hört nicht mehr zu. Er verpasst genau die Lücke, aus der eine wirklich gute Frage entstehen könnte.
Frage ich jetzt anders?
Mache ich das alles bereits? Bin ich jetzt besser vorbereitet, um Fragen zu stellen?
Ich würde sagen: Ja. Nicht, weil ich jetzt eine bestimmte Technik beherrsche, sondern weil sich meine Grundeinstellung verändert hat. Ich warte nicht, bis mir eine Frage einfällt. Ich suche bereits während des Zuhörens danach. Nach dem, was fehlt. Nach dem, was nicht gesagt wird. Nach dem Moment, in dem etwas nicht zusammenpasst.
Das verändert auch meine Selbstwahrnehmung. Die Fragen, die ich mir selbst stelle. Sie zielen nicht mehr nur auf Antworten ab. Sie sind auf Klarheit aus. Was weiß ich noch nicht? Was nehme ich gerade als selbstverständlich hin, ohne es zu hinterfragen? Wo stimmt etwas nicht, ohne dass ich schon weiß, was?
Das ist keine Methode der Fragestellung mehr, sondern eine Einstellung: Eine Frage-Haltung, keine Antwort-Haltung.