Herzlich willkommen zurück, liebe Kultur*Freundinnen und *Freunde,
am Samstag ist es wieder so weit: Ozapt is! Der Münchner Oberbürgermeister zapft das erste Fass an und das Oktoberfest beginnt zum 191. Mal. Es ist das größte Volksfest der Welt und findet vom 19. September bis zum 4. Oktober 2026 auf der Theresienwiese statt. Es gibt Dirndl und Lederhosen, Blasmusik, den feierlichen Einzug der Wirte und den historischen Charme der „Oidn Wiesn“. Dazu gibt es das eigens eingebraute Festbier der Münchner Brauereien. All das soll auch in diesem Jahr wieder für ein unverwechselbares Gesamterlebnis auf der Wiesn sorgen.

Etwas, das mich im Vorfeld allerdings schockiert hat, ist ein Artikel von gestern in der SZ: „Sie filmen heimlich unters Dirndl und stellen die intimen Aufnahmen auf Onlineplattformen. Allein beim Facebook-Konzern Meta sind 32.000 derartige Clips zu finden.“ Es geht um die bislang unbekannte Dimension der Vorfälle auf dem Teufelsrad und die Masche, mit der Profit gemacht wird. Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern systematische Entwürdigung. Und sie passiert in einem Raum, den wir als „Volksfest“ feiern. Und ja, es sind vor allem Männer – nicht alle, aber immer noch viel zu viele. Liebe Männer, das muss aufhören!
Und am Sonntag wählt Berlin. Am 20. September 2026 findet die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin statt, bei der etwa 2,49 Millionen Menschen wahlberechtigt sind. Es ist schon ein großes Glück, dass der Berlin-Marathon nicht zeitgleich mit der Abstimmung stattfindet. Spannend wird der Sonntag auf jeden Fall. Spannend wird der Sonntag allemal. In Umfragen liegen Linke (21 Prozent), CDU (20 Prozent), AfD (18 Prozent) und Grüne (16 Prozent) eng beieinander; die SPD folgt mit 12 Prozent. Ich frage mich, wer in Berlin das Rennen macht und wie sehr der Boden im Konrad-Adenauer-Haus wackeln wird, sollte es zu einem politischen Erdbeben kommen.
Eine etwas andere Art von Erdbeben hat auch das neue Buch von Naomi Klein und Astra Taylor ausgelöst, das auf Deutsch den Titel „Endzeit Faschismus” trägt. Die These in einem Satz: Die Mächtigsten der Welt bereiten sich auf ein apokalyptisches Weltende vor, das sie selbst beschleunigen. Tech-Oligarchen, weiße Suprematisten und eine wachsende autoritäre Elite treffen sich in der Erwartung des Untergangs – und machen ihn zur Geschäftsgrundlage. Mehr zum Buch und meine Gedanken dazu habe ich in einem Artikel mit dem Titel „Der neue Fachismus liebt den Untergang“ festgehalten.

Dass wir auch Erfolg haben können, wenn wir entschieden reagieren, zeigt die Entwicklung des Ozonlochs. Es ist eines der kleinsten seit Jahrzehnten. Das Ozonloch über der Antarktis war im Jahr 2025 besonders klein. Sowohl die Ausdehnung als auch die Tiefe lagen unter dem Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2010.
Dies sei eine Erfolgsgeschichte im Umweltschutz, sagte Celeste Saulo, die Chefin der Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Seit dem Jahr 2000 erholt sich die Ozonschicht und „wir können davon ausgehen, dass sie sich innerhalb weniger Jahrzehnte vollständig erholen wird”. Verantwortlich für die Schädigung waren Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die 1987 mit dem Montrealer Protokoll verboten wurden. Die Ozonschicht schützt Menschen, Pflanzen und Tiere vor den gefährlichen UV-Strahlen der Sonne.
Kommen wir zu den aktuellen Kultur* und Kunst*News der Woche:
Ausstellungen – Räume, die zum Nachdenken einladen
Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt ab 19. September 2026 die Ausstellung „Tell Me Where Home Is“. Die große Themenausstellung, die sich mit unterschiedlichen Vorstellungen von Heimat beschäftigt, läuft bis zum 17. Januar 2027. Was bedeutet Heimat heute? Ist sie noch ein Ort oder eher ein Gefühl? In der großen Ausstellungshalle sind rund 160 Arbeiten von 61 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern versammelt. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie Migration, gesellschaftlicher Wandel und digitale Kommunikation das Gefühl von Zugehörigkeit beeinflussen.

Zur Ausstellung erscheint eine deutsch- und englischsprachige, rund 300 Seiten starke Publikation. Parallel widmet sich auch der junge Freundeskreis des Kunstmuseums Wolfsburg dem Thema: In der Lounge ist vom 19. September bis zum 22. November 2026 die Ausstellung Home Beyond Places. Perspectives of the Young Generation” geplant. Sechs Künstler:innen arbeiten dort mit Fotografie, Film, Mode und Installationen. Die Ausstellung ist dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet.
Literaturtipps – Lesen mit langem Atem
Mein erster Buchtipp ist eher zum Anschauen als zum Lesen: „Grace: Now“ von Grace Coddington, der neueste Band in Phaidons karriereübergreifender Trilogie. Das Buch ist Teil Memoir, Teil Bildarchiv und chronikalisiert ihr letztes Jahrzehnt als unabhängige Kreative. Es umfasst ihre Zeichnungen sowie persönliche Notizen von Freunden und ehemaligen Kolleginnen, die sie über die vergangenen zehn Jahre hinweg zusammengestellt hat.






Die dritte Veröffentlichung der Reihe enthält mehr als 200 Bilder renommierter Fotografen wie Steven Klein, Annie Leibovitz, Peter Lindbergh und Steven Meisel. Coddington prägte als Kreativdirektorin die Seiten der britischen und amerikanischen Vogue von 1972 bis 2002.
Ich bin ein großer Fan von ihr und ihrer Arbeit bei der amerikanischen Vogue. An dieser Stelle möchte ich auch den Dokumentationsfilm „The September Issue“ (2009) empfehlen, der die Dynamik zwischen Anna Wintour und Grace Coddington zeigt. Ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie Mode gemacht wird – und wie eine Frau wie Grace Coddington darin ihre eigene Sprache findet. Das Buch erscheint im November und kann ab sofort vorbestellt werden. (Phaidon Verlag, 35,3 cm x 27,3 cm, 253 Seiten, 89,95 Euro).
Mein zweiter Buchtipp ist bereits erschienen: „Anton und Alma” von Dana Vowinckel steht auf jeden Fall ganz oben auf meiner Liste. Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 und erzählt die Geschichte zweier Mitte Zwanzigjähriger, die in Berlin studieren, leben und einen Zugang zu ihrem Erwachsenenleben suchen. Alma fühlt sich von ihrer Familie ungesehen und ausgestoßen. Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen. Jahre später treffen sie sich auf einer Party wieder. Ihre Beziehung entwickelt sich holprig und endet schmerzlich. Als Alma die Abwesenheit von Anton mit einer hilflosen Hinwendung zum jüdischen Glauben kompensiert, zeigt sich ein Bruch in ihrer Verbindung.
Der Roman ist in drei Zeitabschnitte gegliedert: vor, während und nach der Corona-Pandemie sowie nach dem 7. Oktober 2023, der einen markanten Wendepunkt im letzten Drittel der Geschichte darstellt. Er verhandelt Judentum, Klasse, deutsche Erinnerungskultur und den Genozid in Gaza – und das alles ausgerechnet in einer Liebesgeschichte. Hochpolitisch, herzzerreißend und trotzdem leicht lesbar. Ein Roman, der nicht nur unterhält, sondern uns zwingt, Position zu beziehen.
Erschienen im Suhrkamp Verlag, 542 Seiten, gebundene Ausgabe 26,00 Euro.
Film & Serie – Was uns zum Lachen und Nachdenken bringt
„Widow’s Bay“ ist eine einzigartig lustige Serie. Bei den 78. Primetime Emmy Awards am 14. September 2026 triumphierte die Apple-TV+-Produktion als meistdekorierte Debüt-Comedy in der Emmy-Geschichte. Insgesamt gewann die Serie 14 Emmys, darunter die Kategorien „Outstanding Comedy Series”, „Outstanding Lead Actor in a Comedy Series” für Matthew Rhys, „Outstanding Supporting Actress” für Kate O’Flynn, „Outstanding Supporting Actor” für Stephen Root, „Outstanding Writing” für Katie Dippold und „Outstanding Directing” für Hiro Murai. Murai ist damit der erste asiatische Regisseur, der in der Kategorie „Comedy-Regie” gewann. „Widow’s Bay“ ist eine kleine Inselstadt, 40 Meilen vor der Küste Neuenglands. Dort versucht Bürgermeister Tom Loftis (Matthew Rhys), seine sterbende Gemeinde wiederzubeleben. Doch die Einheimischen glauben, die Insel sei verflucht – und nach Jahrzehnten der Ruhe beginnen die alten Geschichten wieder wahr zu werden. Die Serie verbindet echten Horror mit charaktergetriebener Comedy. Eine schwarzhumorige Horror-Comedy, die zeigt, dass Lachen und Erschrecken näher beieinanderliegen, als wir denken.
Alle zehn Folgen der ersten Staffel sind auf Apple TV verfügbar. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung.
Debatten & Diskurse: Streit um Gaza-Doku „Naza“
Beim Filmfest in Venedig wurden Rachel Szor und Yuval Abraham für ihr Werk über das militärische Vorgehen Israels im Gaza-Krieg mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Der Film „NAZA” dokumentiert den Einsatz KI-gestützter Systeme durch das israelische Militär, um gezielt und systematisch Zivilisten in Gaza zu töten. Der israelische Kulturminister Miki Zohar will den beiden preisgekrönten Regisseuren daraufhin die israelische Staatsbürgerschaft entziehen. Auf X warf Zohar den Filmemachern „Verrat am Staat” vor und bezeichnete ihren Film als „widerwärtig”. Die Regisseure seien bereit, ihrem Heimatland zu schaden, schrieb er.
Worum geht es in „Naza“? Der Titel ist abgeleitet vom hebräischen Wort für Kollateralschaden. Die Dokumentation enthält anonymisierte Interviews mit 24 israelischen Geheimdienstmitarbeitern und Soldaten, die detaillierte Einblicke in ihre Operationen geben. Sie berichten, wie die israelische Armee im Gazastreifen palästinensische Zivilisten tötete. Dem Film zufolge haben die IDF drei Programme entwickelt: das Hauptsystem „Lavender“, ergänzt durch „The Gospel“ (Habsora) und „Where’s Daddy?“. „Lavender“ identifiziert mutmaßliche Mitglieder der Hamas und des Islamischen Dschihad, „Where’s Daddy?“ überwacht Telefone und reagiert auf Botschaften wie „Papa ist zu Hause“. Während des Gazakrieges hat Israel 37.000 spezifische, potentielle Ziele für militärische Luftschläge mit dem KI-Dienst „Lavender“ identifiziert.
Die Dokumentation wurde bei ihrer Premiere in Venedig mit 25 Minuten andauernden stehenden Ovationen gefeiert. Auf der Website des Filmfestivals geben die Regisseure an, sie hätten „Naza” aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus gemacht, um als Israelis die Systeme hinter der „Massentötung palästinensischer Zivilisten” zu untersuchen, für die sie ihr Land verantwortlich machen. Dabei hätten sie sich auch die Frage gestellt: „Wie kann eine Gruppe von Menschen die vollständige Entmenschlichung einer anderen Gruppe zulassen?” Die israelische Armee weist die Vorwürfe zurück und sagt, die im Film genannten Whistleblower könnten nicht verifiziert werden. Entscheidungen über die Auswahl und Genehmigung von Angriffen würden ausschließlich von menschlichem Personal und nicht von Künstlicher Intelligenz getroffen.
Kurt Tucholsky als Ignaz Wrobel
Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: NEIN.
Die Verteidigung des Vaterlandes Die Weltbühne, 6. Oktober 1921
Diese Woche zeigt mir, dass wir in einer Zeit leben, in der Erdbeben möglich sind – politisch, kulturell und moralisch. Die Berlin-Wahl könnte das politische Gefüge neu ordnen, das Oktoberfest offenbart eine beschämende Dimension sexualisierter Gewalt, der „Endzeit-Faschismus” beschreibt eine Elite, die den Untergang zur Geschäftsgrundlage macht, und der Film „Nazis” zwingt uns, über KI-gestützte Kriegsführung und staatliche Repression nachzudenken.
Aber wir leben auch in einer Zeit, in der Erholung möglich ist – das schließende Ozonloch ist ein Beweis dafür. Die Ausstellung „Tell Me Where Home Is” in Wolfsburg befasst sich mit dem Thema Heimat in einer Welt der Migration und des Wandels. Grace Coddington zeigt uns, dass Stil und Substanz kein Widerspruch sind. Dana Vowinckel schreibt eine Liebesgeschichte, die uns zwingt, Position zu beziehen. Und „Widow’s Bay” erinnert uns daran, dass Lachen und Erschrecken näher beieinanderliegen, als wir denken.
Ich entscheide mich für die Erholung. Ich entscheide mich für Filme, die uns zum Lachen bringen, ohne uns blind zu machen. Ich entscheide mich für Bücher, die uns zwingen, Position zu beziehen. Ich entscheide mich für Ausstellungen, die uns zum Nachdenken anregen.
Das war der kultur*letter für diese Woche! Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch mit anderen! Bleibt neugierig und bleibt zugewandt!
