kultur*letter #12: Wer darf urteilen?

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Mit dieser Ausgabe des Kultur:letters kuratiere ich für euch wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino, Konzerten und Literatur. Passend zur kommenden Woche. Passend zu dir.

Auch in der vergangenen Woche wurde wieder deutlich, dass Kultur in Deutschland längst kein „begleitender Schönheitsbetrieb“ mehr ist, sondern ein Raum, in dem sich politische, gesellschaftliche und symbolische Fragen mit unerwarteter Schärfe treffen. Kürzungsdebatten, Förderstreit und Protestbewegungen haben deutlich gemacht, dass Kulturorte heute als Infrastruktur der Demokratie wahrgenommen werden und nicht mehr als Luxus. Wer sie schwächt, schwächt Teilhabe und Sichtbarkeit gleichermaßen.

Und dann war da noch Denis Scheck. Für alle, die die jüngste Sendung nicht gesehen haben: Der ARD-Kritiker warf mehrere Bücher von Autorinnen in die Tonne: Sophie Passmanns aktuellen Titel, Ildikó von Kürthys „Alt genug” und Melanie Pignitters Buch. Alle drei Autorinnen haben sich öffentlich geäußert. Elke Heidenreich antwortete in der ZEIT. Die daraus entstandene Debatte ist älter als Scheck und größer als diese eine Sendung – dazu mehr unten bei den Diskursen.

So viel zum Rückblick. Jetzt beginnt der Ausblick: In der Woche vom 10. bis 17. April stehen Eröffnungen, Kinostarts und Konzerte an, die das Thema dieser Ausgabe auf ganz unterschiedlichen Ebenen weiterverhandeln – Verletzlichkeit und Resilienz, Körper und Raum, die Frage, wessen Blick zählt und wessen Stimme gehört wird.

Ausstellungen – Körper, Rituale, Farbe

Kunsthalle Düsseldorf: Seit heute, dem 10. April läuft „Work in Progress“ mit Navot Miller, ein Format, das den Ausstellungsraum selbst zur Frage macht. Fünf Künstler:innen realisieren im Vier-Wochen-Rhythmus nacheinander ortsspezifische Wandmalereien, die anschließend wieder überstrichen werden. Wer Kunst nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als Prozess denkt, findet hier eine konsequente Antwort. Die Ausstellung läuft bis zum 30. August 2026.

Museum Reinhard Ernst Wiesbaden: Wolfgang Hollegha ist in Deutschland kaum bekannt – dabei hat der österreichische Maler, der 2023 im Alter von 94 Jahren starb, monumentale Farbschüttungen hinterlassen, die Körper, Raum und Erinnerung zu Malerei von eruptiver Präzision verbinden. Die Ausstellung läuft bis zum 13. September 2026 und ist ideal für einen Frühjahrsausflug ins Rheingau.

Marina Abramovićs Ausstellung im Gropius-Bau in Berlin ist eines meiner Highlights. Am 14. April um 19 Uhr wird „Balkan Erotic Epic. The Exhibition“, die erste große Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin seit den 1990er Jahren. Die Ausstellung erstreckt sich über zehn Räume im Erdgeschoss sowie den Lichthof und ist bis zum 23. August 2026 zu sehen. Gezeigt werden Werke von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart, die sich mit Ritualen, Erotik, Tod, balkanischen Narrativen und Performance-Kunst als Körperwissen auseinandersetzen. Die Live-Performance „Nude with Skeleton” (2002/2026) ist täglich während der Öffnungszeiten zu sehen – im Grunde ist das ein ganzer Salonabend in Ausstellungsform, nur stiller und körperlicher.

Schiaparelli  im Victoria & Albert Museum in London: Wer eine Reise plant oder den Frühsommer im Blick hat: „Schiaparelli and the Art of Illusion“ läuft noch bis zum 23. August 2026. Elsa Schiaparellis Mode als Spiel mit Illusion, Körper und gesellschaftlichen Normen – mit surrealistischen Referenzen von Dalí bis in die Gegenwart. Ein Besuch, der sich mit einer Frage lohnt: Warum wirkt Couture manchmal mehr wie Bühneninszenierung als wie Kleidung?

Kinotipps – Stimmen, die gehört werden wollen

„Siri Hustvedt – Dance Around the Self“ ist eines der stärksten Porträts einer Schriftstellerin, das ich seit Langem gesehen habe – und ein Must-See für alle, die wissen wollen, wie aus Neugier, Eigensinn und einem Umzug nach New York eine der wichtigsten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur entstand. Der Film öffnet einen Blick weit über Hustvedt hinaus: auf das Schreiben als Weltaneignung, auf Künstlerinnen, die sich nicht erklären, sondern behaupten. Seit dem 2. April in den Kinos. Videovorschau.

Wer danach mehr will – und das wird man – greift am besten direkt zu ihrem neuen Buch: „Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung“, erschienen am 13. März 2026. Es ist Hustvedts Abschied von Paul Auster, ihrem Mann, der 2024 starb. Kein Trauerband im üblichen Sinne, sondern ein Buch, das Erinnerung, Verlust und das Weiterleben mit der Präzision einer Denkerin verhandelt, die Gefühl und Analyse nie gegeneinander ausspielt. Stoff für einen Book-Club-Abend, nach dem man nicht einfach nach Hause geht. Rowohlt, 400 Seiten, gebunden, 25,00 Euro. Weitere Informationen.

43 Jahre lang waren Siri Hustvedt und Paul Auster verheiratet und galten als wichtiges Autorenpaar. 2024 verstarb Paul Auster an einer Krebserkrankung. Sein letzter Wunsch war es, als Geist zurückzukehren. Diesen Geist versucht Siri Hustvedt in „Ghost Stories. Buch der Erinnerung“ zu fassen.
Foto © SWR/IMAGO/TT.

„Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“ (seit 2. April in deutschen Kinos) ist eine neue Adaption des Klassikers, die in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit mehr ist als Historienstoff: eine kraftvolle Reflexion über soziale Ungleichheit und moralische Entscheidungen – mit einem Stoff, der sich gerade jetzt nicht wegschauen lässt. Videovorschau.

„Der Magier im Kreml“ von Olivier Assayas erzählt, wie ein ehemaliger Künstler und Reality-TV-Produzent zum Spin-Doktor Putins wird – und schließlich bricht er sein Schweigen. Paul Dano und Jude Law in einem politischen Intrigenspiel, das in seiner Medienkritik erschreckend präzise ist. Vdeovorschau.

Konzerte – Zwei sehr verschiedene Abende

Deutsches Theater München – 13. April: Peter Cornelius bringt seit über fünf Jahrzehnten Songs auf die Bühne, die längst Teil des kollektiven Gedächtnisses sind. „Reif für die Insel“, „Segel im Wind“ – wer sich an einen bestimmten Sommer erinnern will, weiß, was das bedeutet. 19:30 Uhr, im Theatersaal, Schwanthalerstraße 13. 

Rita Wilson in Berlin & Hamburg, November 2026: Sie ist vielen als Schauspielerin und Ehefrau von Tom Hanks bekannt – aber wer sie live erlebt hat, weiß: Sie ist vor allem Musikerin, mit einer Bühnenpräsenz, die unter die Haut geht. Sängerin, Songwriterin, Produzentin, Grammy-Nominierte, Hollywood-Star auf dem Walk of Fame – und eine Frau, die mit jedem Album mehr zu sich selbst kommt. 

Ihr neues, sechstes Studioalbum „Sound of a Woman“ erscheint am 1. Mai 2026 – und allein die bereits veröffentlichten Singles deuten an, wohin die Reise geht: zeitlose Melodien, emotionale Tiefe, eine Stimme, die Geschichten trägt. Im März 2024 stand sie bereits in der Berliner Passionskirche auf der Bühne – wer dabei war, erinnert sich. 

Jetzt kommt sie wieder: am 6. November in die Berliner Passionskirche und am 9. November in die Hamburger Kulturkirche Altona – zwei intime Kirchenräume, die zu dieser Musik passen wie kaum ein anderer Veranstaltungsort. Tickets gibt es ab sofort über Eventim. 

Literaturtipps – Licht und Eigensinn

„Im Licht der Lofoten“ von Sophie van der Linden erzählt vom Leben der schwedischen Malerin Anna Boberg (1864–1935), die jeden Winter allein in eine Hütte auf den Lofoten reiste, um das arktische Licht auf die Leinwand zu bannen – und dabei die monatelange Trennung von ihrem Mann in Kauf nahm. Van der Linden macht aus diesem Leben keinen Heroismus, sondern eine innere Landschaft: Distanz, Klarheit, Kälte, Reinheit. Für Leserinnen ab 45 steckt darin etwas Zentrales: Selbstverständnis lässt sich neu verhandeln – auch wenn man längst angekommen schien. Erschienen im mareverlag, 128 Seiten, 20,00 €.

Hier noch ein Podcast-Tipp für diejenigen, die täglich mehr Kultur hören wollen: „Kultur heute“ vom Deutschlandfunk Kultur ist eine verlässliche Adresse – aktuelle Debatten zu Kulturthemen, Medienpolitik, Sprache und Macht, präzise und ohne Infotainment-Schlagseite. Ideal für den Arbeitsweg oder den Abend, an dem man den Kopf noch einmal sortieren will. Überall, wo es Podcasts gibt.

Debatten & Diskurse – Wessen Stimme zählt?

In seiner ARD-Sendung hat Denis Scheck gleich mehrere Bücher von Autorinnen in die „Tonne geworfen“, darunter Sophie Passmanns aktuellen Titel, den er als „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins“ kommentierte, sowie Ildikó von Kürthys „Alt genug“: „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit.“ Auch Melanie Pignitter traf es. Elke Heidenreich hat daraufhin in der aktuellen ZEIT geantwortet – nicht als Betroffene, sondern als jemand, der das Muster benennt: die gezielte Abwertung weiblicher Erfahrungsräume und der Leserschaften, die sich darin wiederfinden.

Scheck verteidigt sich: Seine Urteile träfen die Texte, nicht die Personen, und er versuche seit 23 Jahren, auf engstem Raum pointierte Bewertungen zu liefern. Die ARD ergänzt, das Geschlecht spiele für die literarische Beurteilung keine Rolle. Das mag stimmen. Und trotzdem sprachen Passmann von einem „sexistischen Verriss” und Kürthy von der „Verachtung der lesenden und schreibenden Frauen – und ihrem Publikum”. Der Konflikt eskalierte, weil die Kritiken von vielen eben nicht als bloße Geschmacksurteile gelesen wurden, sondern als Teil eines größeren Musters: Frauenliteratur über Alter, Körper, Alltag oder Gefühle wird im Feuilleton schneller in die Nähe von Trivialität gerückt als vergleichbare Themen bei Männern. Das ist keine neue Beobachtung. Aber sie trifft offenbar noch immer zu.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Scheck Recht hat. Das hat er nicht. Die Frage ist, ob ein solcher Ton im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch immer Platz finden darf: antiquiert, herabsetzend und längst ohne Deckung in einer Gesellschaft, die das eigentlich hinter sich gelassen haben sollte.

Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Bis dahin: viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch. Bleibt neugierig und bleibt zugewandt.


Titelbild: Marina Abramović | Foto: © Marco Anelli 2025