Die Ohnmacht der Gerechtigkeit

in CULTURE & PEOPLE/Essay by

Mein Notizbuch, eine fast leere Seite. Drei Fragen standen da, in meiner Handschrift, untereinander.

Was macht Menschen rücksichtslos?
Was macht Menschen rachsüchtig?
Was macht Menschen böse?

Dann nichts.

Eine leere Seite, die ich seither immer mal wieder betrachte, aber nichts zu notieren weiß und dann wieder zuklappe. Das Thema ist zu komplex für einfache Notizen dazu?

Menschen tun einander Schreckliches an — oft nur, weil sie die Macht dazu haben. Und dann übernehmen sie nicht mal Verantwortung dafür. Sie drehen sich um und gehen weiter. Was bleibt, ist dieses Gefühl: Ohnmacht. Nicht die große, dramatische — sondern die stille, zähe. Die, die sich nicht wegdenken lässt.

Ich schreibe diesen Essay nicht, weil ich Antworten gefunden habe. Sondern weil ich verstehen will, was diese Ohnmacht eigentlich ist — und ob man mit ihr anders umgehen kann, als sie einfach auszuhalten.

„Die Gerechtigkeit ist ohnmächtig ohne die Macht; die Macht ist tyrannisch ohne die Gerechtigkeit.“ — Blaise Pascal

Hannah Arendt ist der Grund, warum ich Philosophie studiert habe. Nicht wegen ihrer Antworten, sondern wegen der Art, wie sie Fragen gestellt hat. Eine dieser Fragen stellt sie in ihrem 1963 erschienenen Bericht über den Eichmann-Prozess mit dem Titel „Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Wie kann ein Mensch Ungeheuerliches tun und dabei so gewöhnlich bleiben? Arendts Antwort war in ihrer Schlichtheit verstörend. Nicht Bosheit treibe das Böse an, sondern Gedankenlosigkeit. Die Abwesenheit von Reflexion. Das, was sie die Banalität des Bösen nannte.

„Das Beunruhigende war, dass er war wie viele und dass diese vielen normal waren.“ — Hannah Arendt

Das ist kein entlastender Gedanke. Er ist im Gegenteil schwerer auszuhalten als die Vorstellung eines monströsen Bösen. Ein Monster kann man fürchten, benennen, verurteilen. Aber jemanden, der einfach nicht nachdenkt — der Befehle ausführt, Regeln befolgt, weitermacht — den kann man kaum fassen. Und er ist überall.

Thrasymachos, der Sophist bei Platon, hätte dazu nur müde gelächelt. Gerechtigkeit, sagt er in der Politeia, ist das Interesse des Stärkeren. Kein Ideal, keine Harmonie — sondern ein Instrument. Wer die Macht hat, definiert, was gerecht ist. Der Rest fügt sich, oder leidet.

Zweieinhalbtausend Jahre später klingt das nicht wie Philosophie. Es klingt wie Nachrichten.

Rawls hinter dem Schleier — und wir davor

John Rawls hat sich eine Welt vorgestellt, in der niemand weiß, welchen Platz er darin einnehmen wird. Kein Wissen über die eigene Herkunft, den eigenen Reichtum, die eigene Macht. Hinter diesem „Schleier des Nichtwissens“ — so sein Gedankenexperiment in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ von 1971 — würden Menschen faire Regeln entwerfen. Denn wer nicht weiß, ob er arm oder reich, stark oder schwach geboren wird, hat ein Eigeninteresse an Gerechtigkeit.

Es ist ein eleganter Gedanke. Vielleicht zu elegant.

Denn der Schleier existiert nicht. Menschen wissen sehr genau, wo sie stehen — und sie nutzen dieses Wissen. Wer Macht hat, entwirft keine fairen Regeln. Er entwirft Regeln, die seine Macht sichern. Rawls beschreibt, wie eine gerechte Welt aussehen könnte, wenn alle bei null anfingen. Aber niemand fängt bei null an.

Und trotzdem lässt mich sein Gedankenexperiment nicht kalt. Nicht als politische Theorie — sondern als Frage, die ich mir selbst stelle. Würde ich anders handeln, wenn ich nicht wüsste, auf welcher Seite ich stehe? Ich möchte ja sagen. Aber ich bin mir nicht sicher.

„Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletzlichkeit, die auch im Namen des Wohls der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden darf.“ — John Rawls

Ohnmacht als Klarheit

Ohnmacht hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als Schwäche, als Versagen, als Zustand, den es zu überwinden gilt. Wer ohnmächtig ist, hat verloren – so die implizite Logik. Also suchen wir nach Handlungsmöglichkeiten, nach Lösungen und Wegen, um wieder Kontrolle zu gewinnen.

Doch was, wenn Ohnmacht manchmal die einzig ehrliche Reaktion ist?

Wenn ich sehe, wie Menschen Schreckliches tun und keine Verantwortung übernehmen. Wenn Macht Gerechtigkeit verdrängt – nicht trotz, sondern manchmal durch Institutionen. Wenn das Böse nicht monströs, sondern gedankenlos, routiniert und banal auftritt, dann ist Ohnmacht keine Schwäche. Sie ist Klarheit. Sie zeigt, dass ich verstanden habe, was hier eigentlich passiert.

Arendt hat das auf ihre Weise beschrieben. Wer das Böse in seiner Banalität erkennt, verliert die Illusion, dass es sich mit einfachen Mitteln bekämpfen lässt. Das ist kein tröstlicher Gedanke. Aber er ist wahr.

Die Ohnmacht, die ich empfinde, wenn Gerechtigkeit nicht zum Zuge kommt, ist kein Zeichen dafür, dass ich aufgegeben habe. Sie ist ein Zeichen dafür, dass ich nicht weggeschaut habe. Dieser Unterschied ist mir wichtig geworden.

Aushalten, ohne aufzugeben

Die Frage ist also nicht, wie man die Ohnmacht loswird. Sie ist, was man mit ihr macht.

Ich habe keine universelle Antwort darauf. Ich habe nur meine – und auch die ist unfertig. Aber ich habe gemerkt, dass es einen Unterschied macht, ob man Ohnmacht als Endpunkt oder als Ausgangspunkt begreift. Nicht im Sinne von: Jetzt handle ich. Sondern im Sinne von: Jetzt sehe ich klarer.

Pascal hat das Verhältnis von Macht und Gerechtigkeit als gegenseitige Abhängigkeit beschrieben. Gerechtigkeit braucht Macht, um zu wirken. Macht braucht Gerechtigkeit, um nicht zu tyrannisieren. Was er nicht gesagt hat – oder vielleicht nicht sagen wollte – ist, was passiert, wenn beides auseinanderläuft. Was passiert, wenn sich Macht von Gerechtigkeit löst, aber trotzdem funktioniert? Wenn niemand zur Rechenschaft gezogen wird, weil niemand die Macht hat, dies zu tun.

Dann bleibt die Ohnmacht. Und mit ihr die Frage, wie man integer bleibt – nicht im großen, heroischen Sinne, sondern im alltäglichen. Wie man nicht abstumpft. Wie man nicht aufhört, die Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn sich dadurch nichts ändert.
Arendt hat zeitlebens gedacht, geschrieben, analysiert – in einer Welt, die ihr mehr als genug Anlass zur Resignation gegeben hätte. Das war keine Naivität. Es war eine Entscheidung.

Notizbuch © Ruth-Janessa Funk


Vielleicht ist das die einzige Antwort, die ich habe. Nicht wegschauen. Weiterdenken. Irgendwann doch noch die leere Seite im Notizbuch füllen – nicht, weil man die Antworten kennt, sondern weil die Fragen es wert sind.