Die von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunst- und Architekturschule zog 1925 an ihren produktivsten Standort nach Dessau in Sachsen-Anhalt um.
1996 wurden das Bauhausgebäude und die Meisterhäuser in die Liste der UNESCO-Welterbestätten aufgenommen. 2017 wurden auch die Laubenganghäuser hinzugezogen. Am 8. September 2019 wurde das Bauhaus Museum Dessau eröffnet. Kurz zuvor, am 21. April 2019, war ich mit meinen Kindern dort.


















Fotos © Ruth-Janessa Funk
Das ist zwar schon einige Jahre her, aber:„Alle, die wir Kunst lieben, die wir sie genießen, mit unseren Kindern, denen wir beibringen, die Augen zu öffnen und Dinge in der eigenen Geschichte zu erspüren – wenn das jetzt sich auf einmal alles ändern würde, würde sich etwas fundamental mit uns allen in der Gesellschaft ändern“. Das sagt Manon Bursian, die Direktorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt schon im April dieses Jahres.
Die von Manon Bursian angesprochene Gefahr ist keine abstrakte kulturpolitische Debatte, sondern konkret, akut und unmittelbar mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 verknüpft.
Wird Kunst unter politische Doktrin gestellt – etwa durch die Forderung nach „patriotischer Kunst” oder die Abwertung bestimmter Stilrichtungen als „Irrweg”, dann wird sie zum Instrument der Staatspropaganda oder zur Waffe im Kulturkampf.
In einem Landtagsantrag vom Oktober 2024 bezeichnet die AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt das Bauhaus offen als „Irrweg der Moderne“ und fordert, das anstehende 100-jährige Jubiläum des Bauhauses in Dessau (2025/2026) nicht „einseitig zu glorifizieren“. In dem Antrag werden die puristische Ästhetik des Bauhauses als „historische Bausünde“, ein „globaler Einheitsbrei“ und eine „Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt“ kritisiert. Der kulturpolitische Sprecher der AfD, Hans-Thomas Tillschneider, ging sogar noch weiter und bezeichnete das Bauhaus als „abgrundtief hässlich“. In diesen Äußerungen steckt unüberhörbar viel Hass. Die AfD nennt es „patriotische Identitätsfindung” und greift damit genau jene Werte an, für die das Bauhaus steht: Offenheit, Internationalität, interdisziplinäres Denken und die Überzeugung, dass kulturelle Innovation eine demokratische Gesellschaft stärkt. Und die Lage ist ernst. Nach aktuellen Umfragen liegt die AfD derzeit bei über 40 %.
Rückschritt statt Fortschritt
93 Jahre nach seiner erzwungenen Selbstauflösung durch die Nationalsozialisten steht das Bauhaus erneut unter politischem Druck. Ein Bündnis verschiedener Institutionen wehrt sich mit dem „Bauhaus-Manifest 2026″, das am 20. August 2026 auf Initiative des parteilosen Kulturstaatsministers Wolfram Weimer veröffentlicht wurde. Zu den Erstunterzeichner:innen gehören die deutsche UNESCO-Kommission, die Deutsche Bischofskonferenz und der Deutsche Museumsbund. „Den gesellschaftspolitischen Impetus der Bauhaus-Vordenkerinnen und Vordenker brauchen wir gerade in Zeiten, in denen die politischen Ränder erstarken und Rückschritt statt Fortschritt propagieren”, heißt es in dem Manifest, das auf der Homepage der Akademie der Künste Berlin veröffentlicht wurde und das man hier auch unterzeichnen kann.
Das Bauhaus wurde im April 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet und verstand sich von Anfang an als experimenteller Schmelztiegel aus Architektur, Kunsthandwerk, Malerei und Design. 1925 zog es nach Dessau um. Dessau ist der einzige Ort, an dem nahezu alle Bauhausbauten entstanden, die heute zu den Ikonen der Architektur des 20. Jahrhunderts zählen. 1932 wurde das Bauhaus in Dessau auf politischen Druck der Nationalsozialisten geschlossen. Am 20. Juli 1933 wurde es zur Selbstauflösung gezwungen. Steht uns das jetzt wieder bevor?
Ist es Zeit, laut zu werden?
Ja, denn Manon Bursians Zitat ist genau darauf gemünzt: Es geht nicht nur um Gebäude oder Ausstellungen, sondern um das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die Kunst als Raum der Freiheit, der Reflexion und der gemeinsamen Geschichte begreift. Das ist kein Hilferuf, sondern eine klare Ansage: Wenn Kunst und Kultur unter politische Doktrin gestellt werden, verändert sich das Fundament dessen, wie wir miteinander leben, lernen und uns erinnern.
Hörbar, sichtbar und wählbar muss der Widerstand sein. Das Manifest ist ein Schritt. Die Landtagswahl am 6. September 2026 ist ein anderer.
Quellen:
- MDR KULTUR: „Sachsen-Anhalt: Kulturinstitutionen warnen vor Kulturpolitik der AfD“ (April 2026)
- Süddeutsche Zeitung, ZEIT, DW, Berliner Zeitung: Berichte zum „Bauhaus-Manifest 2026″ (August 2026)
- Spiegel, Welt, WSWs: AfD-Antrag „Irrweg der Moderne“ (Oktober 2024)
- Stiftung Bauhaus Dessau: Jubiläumsprogramm 2025/2026
