Der ägyptische Herrscher König Ptolemaios I. Soter wollte alle Bücher der Welt in einer Bibliothek zusammentragen. Das war vor 2.300 Jahren in Alexandria. Es war ein Versprechen: Wir teilen Wissen und öffnen den Weg zu allen durch das Lesen. Rose Horowitch erzählt diese Anekdote zu Beginn ihres Atlantic-Essays „The Age of Reading Is Over“. Ihre These: Das Zeitalter des Lesens war keine bleibende Errungenschaft. Es war eine historische „Anomalie” von etwa 150 Jahren zwischen der Alphabetisierungskampagne des 19. Jahrhunderts und der Verbreitung von Smartphones. Jetzt sei diese Phase vorbei.

Die Zahlen, die sie anführt, sind bekannt, aber in der Summe trotzdem hart. 38 Prozent der Amerikaner lesen noch einen Roman im Jahr. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne vor einem Bildschirm ist von 150 Sekunden im Jahr 2004 auf 47 Sekunden gefallen. Harvard-Studierende, schreibt Horowitch, brauchen inzwischen KI-Zusammenfassungen, um sich durch „A Clockwork Orange“ zu arbeiten.
Eine ihrer prominentesten Thesen ist, dass sie Trump als ersten „postliteralen” Präsidenten der USA sieht: einen politischen Führer, der nicht mehr in der Lage ist, komplexe Texte zu lesen, zu verstehen und darauf zu antworten, sondern auf Bildsprache, Gestik und emotionale Unmittelbarkeit setzt. Trump liest keine langen Briefings, politischen Programme oder historische Analysen. Er reagiert auf Bilder, Slogans und Impulse. Seine Kommunikation ist visuell, repetitiv und affektiv.
“America, in other words, isn’t illiterate. It’s postliterate.”
Rose Horowitch, The Atlantic, 8. Juli 2026
Horowitch schreibt dies jedoch nicht als persönliche Schwäche Trumps, sondern als Symptom einer größeren Verschiebung: Wenn eine Gesellschaft das Lesen verlernt, verändert sich auch die Art von Führung, die sie hervorbringt und erträgt. Ein postliteraler Präsident ist für sie demnach keine zufällige Erscheinung, sondern die logische Konsequenz einer Kultur, in der Text nicht mehr das zentrale Medium politischer Verständigung ist.
Im selben Monat lese ich auch das Essay Mary „Thinking Is Becoming a Luxury Good“ von Mary Harrington aus der New York Times. Die beiden Texte verstärken sich, ohne dasselbe zu sagen. Harrington erzählt von ihrer Waldorfschule in den Achtzigern, die ohne Bildschirme auskam und den Fokus auf Texte legte, und von der Beobachtung, dass genau diese Form von Bildung heute ein Privileg ist. Wer sich humanistische Bildung, eine analoge Kindheit und stille Zeit zum Lesen leisten kann, bewahrt sich die Fähigkeit zu komplexem Denken. Der Rest der Gesellschaft driftet ab, in Fragmenten, in Fünfundvierzig-Sekunden-Häppchen. Aus einer Kulturkritik wird bei Harrington eine Klassenanalyse. Der Satz, der bei mir hängen bleibt, lautet: Denken wird zum Luxusgut. Ich würde es nüchterner formulieren. Konzentriertes Denken droht zum Privileg zu werden.

Es sind zwei kluge Texte mit einer gemeinsamen Grunderzählung: der Frage, was wir als moderne Gesellschaft hier verlieren.
Kurz bevor Horowitchs Text im The Atlantic erschien, veröffentlichte der britische National Literacy Trust im Juni 2026 eine Studie, für die über 125.000 Kinder und Jugendliche befragt wurden. Das Ergebnis: Die Lesefreude steigt zum ersten Mal seit 2021 wieder an. 36,1 Prozent der 8- bis 18-Jährigen gaben an, gerne in ihrer Freizeit zu lesen; ein Jahr zuvor waren es 32,7 Prozent. Täglich lesen 20,3 Prozent, im Vorjahr waren es 18,7 Prozent. Dies ist zwar kein spektakulärer Sprung, jedoch die erste Kehrtwende nach Jahren des Rückgangs – und sie passt nicht zu Horowitchs Alexandria-Untergangston.
Die eigentliche Botschaft dieser Studie steckt jedoch nicht in diesem einen Aufwärtstrend. Sie steckt darin, wer von der Erholung profitiert und wer nicht. So hat sich die Lesekluft zwischen Kindern, die einen Anspruch auf kostenlose Schulmahlzeiten haben, und Kindern ohne diesen Anspruch mehr als verdoppelt. Bei den Fünf- bis Achtjährigen sinkt die Lesefreude sogar, was vor allem auf einen Einbruch bei den Jungen von 58,8 auf 56,3 Prozent zurückzuführen ist, während sie bei den Mädchen von 66,4 auf 67,1 Prozent weiter steigt. Genau hier widerspricht sich die vermeintlich hoffnungsvolle Zahl also selbst. Sie zeigt keine Trendwende für alle. Sie zeigt eine neue Trennlinie mitten durch die Kindheit.
“The conversation no one is ready for, though, is how this may be creating yet another form of inequality.”
Mary Harrington, The New York Times, 28. Juli 2025
Ich halte die These, dass wir keinen gleichmäßigen Verfall dieser Kulturtechnik erleben, für belastbarer als die These vom „Ende des Lesens”. Wir erleben eine „Sortierung”. Kinder aus bildungsnahen, wohlhabenderen Haushalten lesen wieder mehr – dank gezielter Förderung, Vorbildern und Zeit. Kinder aus ärmeren Verhältnissen fallen hingegen weiter zurück. Und innerhalb der Generation zeichnet sich eine Geschlechterlücke ab, die sich verbreitert statt schließt. Jungen verlieren den Zugang zum Lesen schneller als Mädchen ihn behalten. Harringtons These vom Luxusgut Buch bestätigt sich in den Zahlen, Horowitschs Untergangsdramaturgie passt dazu jedoch nicht ganz.
Es gibt noch eine weitere Stimme, die ich nicht unbeachtet lassen möchte, da sie den beiden Essays die Schärfe nimmt: Joel Miller. In seiner Kolumne „Miller’s Book Review“ widerspricht er in seinem Review „Before You Panic About That Atlantic Reading Piece“ Horowitch, indem er argumentiert, dass die Vergangenheit, auf die sich der Text bezieht, nicht so golden war, wie er suggeriert. Auch frühere Generationen lasen überwiegend Trivialliteratur und nicht Pasternak. Zwar war „Doktor Schiwago” 1958 ein Bestseller, jedoch die Ausnahme und kein Beweis für eine verlorene Lesekultur der Massen. Miller hat recht, wenn er vor einer Romantisierung warnt. Er hat jedoch unrecht, wenn er deshalb die Sorge kleinredet. Man kann die Vergangenheit entzaubern und dennoch feststellen, dass sich aktuell etwas Neues verschärft: nicht der Verlust des Lesens an sich, sondern dessen Umverteilung.
“It’s Easy to Fear the Future When We Romanticize the Past.”
Joel J. Miller, Miller’s Book Review, 15. Juli 2026
Ich fasse zusammen: Horowitchs Untergangserzählung ist literarisch stark, allerdings universalisiert sie ein Problem, das in Wahrheit sehr genau adressierbar ist. Es geht um die Frage, wer Zugang zu Zeit, Ruhe, Vorbildern und Büchern hat und wer nicht.
Harringtons Luxusgut-Formel trifft den Kern besser, gerade weil sie das Problem nicht kulturpessimistisch verallgemeinert, sondern politisch verortet. Die Frage ist nicht, ob wir alle das Lesen verlieren. Sie fragt, wer es sich noch leisten kann, in Ruhe nachzudenken, und wer die Zeit, die Sprache und die Umgebung dafür nicht mehr hat.
Das betrifft nicht nur Kinder. Es betrifft auch uns, die wir älter sind und vielleicht glauben, diese Debatte ginge an uns vorbei, nur weil wir ja noch lesen. Auch bei uns verschiebt sich, wer sich einen Bücherstapel neben dem Bett leisten kann – zeitlich wie ökonomisch – und wer abends zu erschöpft ist für mehr als eine Serie nebenbei. Die Spaltung verläuft nicht nur zwischen den Generationen. Sie verläuft auch innerhalb jeder Generation entlang der Frage, wem noch Aufmerksamkeit gehört.
Vielleicht brauchen wir keine neue Bibliothek von Alexandria. Aber wir brauchen eine Gesellschaft, in der die Zeit, Bücher zu lesen und über sie zu diskutieren, kein Privileg ist.
