
Mein heutiges Fundstück lässt sich nicht anfassen. Es ist kein Buch, kein Film, kein Objekt. Es ist ein Datum: Der 21. März. Frühlingsanfang.
Nicht, weil sich die Welt von einem Tag auf den anderen verwandelt, sondern weil wir es so behaupten. Der Kalender setzt einen Marker. Und vielleicht brauchen wir genau das.
Denn eigentlich kommt der Frühling schon früher. Leise. Fast beiläufig. Er kündigt sich durch ein unbenennbares Geräusch an. In einem Licht, das sich um ein paar Nuancen verändert hat. In einer Luft, die ihre Schwere verloren hat, ohne dass man sagen könnte, wann genau das passiert ist.
Und dann – plötzlich – wirkt Zeit nicht mehr wie etwas, das vergeht. Sondern wie etwas, das sich öffnet.
„Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung / an der Wiesen aufgedecktes Grau. / Kleine Wasser ändern die Betonung.“
— Rainer Maria Rilke, Vorfrühling (1924)
Kein radikaler Neuanfang
Dem Frühling schreiben wir gern die Energie des großen Aufbruchs zu. Neubeginn. Reset. Neustart. Als wäre er ein Schalter, den jemand umlegt. Aber das ist nicht, was passiert. Was passiert, ist feiner: eine leichte Verschiebung der Wahrnehmung. Die Tage werden länger, ehe wir es bemerken. Etwas in uns atmet anders.
Peter Handke würde sagen: „Der Frühling verändert nicht die Welt.” Er verändert unseren Blick auf sie.
Und das ist keine Kleinigkeit.
Hoffnung ohne Garantie
Warum brauchen wir diesen Moment? Warum hängen wir so sehr an dieser Schwelle?
Vielleicht, weil lineare Fortschrittserzählungen brüchig geworden sind. Die Idee, dass es immer besser wird, immer weitergeht und immer aufwärts zeigt, trägt nicht mehr unbedingt. Aber der Frühling kommt trotzdem. Verlässlich. Jedes Jahr.
Er beweist jedoch nicht, dass alles gut wird. Er beweist lediglich, dass Veränderung möglich bleibt.
Camus hätte darin keine naive Hoffnung gesehen, sondern eine Entscheidung. Die Entscheidung, dem Kreislauf zu vertrauen, obwohl er keine Versprechungen macht.
Der Frühling ist ein stiller Akt des Widerstands gegen die Sinnlosigkeit.
Was blüht, weiß nichts vom Winter
Vielleicht liegt die eigentliche Stärke des Frühlings genau darin, dass er uns nicht überfordert. Er erwartet nichts von uns. Er blüht einfach – laut, zart, beiläufig, hartnäckig.
Er erinnert uns daran, dass Wiederkehr keine Schwäche ist. Und dass das Erwachen aus dem Winterschlaf keine Heldengeschichte braucht.
Manchmal reicht ein anderes Licht.
Frühlingsanfang ist heute, am 21. März 2026 – meteorologisch begann er bereits am 1. März.