News & Geschichten, Ideen & Impulse

Kultur:letter #8 – Ikonen, die sich selbst überdauern

in CULTURE & PEOPLE/kultur:letter/KULTUR:SALON by

Mit der heutigen Ausgabe des Kultur:letter kuratiere ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino, Konzerten und Literatur – passend zum Wochenende, passend zu dir.

Die vergangene Woche hat uns nicht mit einem Skandal, sondern mit einer Frage beschäftigt: Wem gestehen wir eigentlich Wandel zu? Nicht abstrakt, sondern sehr konkret – in den Gesichtern von drei Frauen, die der Kulturbetrieb dieser Tage gleichzeitig feiert, seziert und auf ihre Symbolhaftigkeit reduziert: Liza Minnelli wird 80 und veröffentlicht Memoiren, die sich weigern, ein Opfer-Narrativ zu bedienen. Yayoi Kusama, 96, eröffnet am Samstag im Museum Ludwig in Köln eine Retrospektive mit über 300 Werken. Und Cindy Sherman, seit mehr als fünfzig Jahren dieselbe Frage stellend – wessen Blick eigentlich schaut hier? –, ist ab Montag in München zu sehen. Drei Ikonen, drei Arten, sich dem Vergessen zu widersetzen.

Was mich an dieser Woche reizt: Das ist kein zufälliger Dreiklang, sondern ein Stresstest für unsere eigene Haltung. Feiern wir Minnelli als Überlebenskünstlerin oder als Kuriosität? Kusama als ernsthafte Konzeptkünstlerin oder als Instagram-Kulisse? Sherman als Pionierin oder als Museumsstück? Die Antworten sagen mehr über uns als über sie.

So viel zum Rückblick – jetzt beginnt der Ausblick. Die Woche vom 13. bis 20. März ist programmatisch dicht, das Wetter soll eher Drinnen als Draußen begünstigen, was ehrlich gesagt kein schlechtes Argument für Museumsbesuche, Kinosaale und lange Leseabende ist. Das Rahmenthema dieser Ausgabe: Körper, die sich erinnern – an sich selbst, an ihre Brüche, an das, was sie überdauert haben.

Ausstellungen – Körper, die Bestand haben

Yayoi Kusama im Museum Ludwig, Köln. Ab Samstag, 14. März, gehört die Stadt den Punkten. Die Retrospektive zeigt über 300 Arbeiten – von frühen Zeichnungen der 1930er Jahre über Happenings und Performance bis zu neuen Infinity Nets und einem eigens konzipierten Spiegelraum auf der Dachterrasse. Am Eröffnungstag ist der Eintritt frei, was eine seltene Gelegenheit ist, ohne Andrang in diese Obsessionen einzutauchen. Was mich hier interessiert: Kusama ist nicht trotz ihrer psychischen Erkrankung zur globalen Marke geworden, sondern hat ihre Obsessionen konsequent in Kunst verwandelt – und das lange bevor der Kunstmarkt begann, sich dafür zu interessieren. Ein sehr lohnenswertes Gesprächsthema für einen Salonabend mit Freundinnen: Was wird auf dem Weg von der „verrückten Außenseiterin“ zur musealen Ikone eigentlich unsichtbar gemacht? Museum Ludwig in Köln.

 

Cindy Sherman in der Sammlung Goetz, München. Ab Montag, 17. März, eine der seltenen Gelegenheiten in Deutschland, Shermans mehr als fünfzigjähriges Schaffen im Zusammenhang zu sehen – von den frühen Filmstills über die Clown-Serie bis zu den überzeichneten Society-Porträts. Sherman hat das Selfie-Regime erfunden, bevor es einen Namen hatte, und ihre Arbeit wirft bis heute dieselbe Frage auf: Wessen Vorstellung von Weiblichkeit spielt hier eigentlich jemand nach? Ideal nach einem Besuch in der Alten Pinakothek, die nach schneller Sanierung ebenfalls wieder geöffnet hat – Altdorfer, Dürer, Rubens in voller Pracht. Wenn du übers Wochenende Richtung Bayern fährst, lohnt sich die Kombination: kanonische Körper im einen Haus, dekonstruierte Blicke im nächsten. Sammlung Goetz in München.

Paula Scher in der Pinakothek der Moderne, München. Als Schlenker, der sich lohnt: Schrift als Bildmacht. Nach Kusama (Punkte) und Sherman (Masken) ist das ein dritter Zugang zu derselben Frage – wie sehr visuelle Sprache Geschlecht und Klasse einbettet, lange bevor wir anfangen, über Inhalt zu sprechen. Pinakothek der Moderne, München.

Kinotipps – Große Gesten, kleine Risse

„The Testament of Ann Lee“ (seit 12. März im Kino). Amanda Seyfried spielt Ann Lee, die Gründerin der Shaker-Bewegung im 18. Jahrhundert – eine Frau, die Geschlechtergleichberechtigung und kollektives Leben predigte, in einer Zeit, in der beides als Bedrohung galt. Regisseurin Mona Fastvold inszeniert das als Musical-Biopic mit traditionellen Shaker-Hymnen und Choreografien von Celia Rowlson-Hall. Was den Film für mich interessant macht: Er stellt Fragen nach spiritueller Gemeinschaft und weiblicher Autorität, die sich nicht in Wellness-Spiritualität auflösen lassen. Kein Film für den bequemen Sonntagnachmittag, aber ein sehr guter für den diskursfreudigen. Trailer.

 

„Nouvelle Vague“ von Richard Linklater. Worum es geht: Paris, Ende der 1950er, Jean-Luc Godard dreht unter abenteuerlichen Umständen „Außer Atem“. Linklater inszeniert das als Liebeserklärung ans Kino, elegant, witzig, voll Esprit. Was dabei mitläuft: das Bild der „freien Frau“ in der Nouvelle Vague war stets auch ein Blick-Konstrukt. Den Film schön anzuschauen und gleichzeitig zu fragen, wessen Freiheit hier eigentlich gefeiert wurde – das ist eine sehr produktive Kinoerfahrung. Trailer.

„Der Astronaut – Project Hail Mary“ (Kinostart 19. März). Ryan Gosling als alleingelassener Wissenschaftslehrer im All, der die Menschheit retten soll, Sandra Hüller als ESA-Chefin auf der Erde. Technisch fundiert, humorvoll, nach allen Stimmen einer der besten Science-Fiction-Filme seit „Der Marsianer“. Und ein willkommener Anlass, die alte Frage noch einmal zu stellen: Warum liegt die letzte Verantwortung im Blockbuster-Kino so zuverlässig bei einem einsamen Genie? Trailer.

 

Wer vorher Einstimmung braucht: „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ von Gore Verbinski läuft seit 13. März – ein Zeitreise-Film mit KI-Bedrohung, der sich gut als ironischer Spiegel unserer Technologie-Kontroll-Fantasien eignet. Trailer.

Konzerte & Musik – Chamäleon oder Mutprobe?

Harry Styles hat nach vier Jahren Pause ein neues Album veröffentlicht: „Kiss All the Time. Disco, Occasionally.“ Lange Singles, stolpernde Rhythmen, Disco-Melancholie – ein Sound, der sich bewusst quer zu Erwartungshaltungen stellt und eine Fanbase hinterlässt, die sich gerade öffentlich neu sortiert. Seine „Aperture“-Performance bei den Brit Awards kursiert online und spaltet: Chor, Choreografie, große Geste. Ich finde das Album überzeugend – aber vielleicht liegt das daran, dass ich Mut zur Reibung mehr schätze als reibungslose Gefälligkeit. Die globale „Together, Together“-Tour mit Residencies von Amsterdam bis New York läuft an; deutsche Termine stehen noch aus. Eine schöne Frage für den Salon: Wer von euch fährt hin – und warum? Wer bleibt bewusst weg?

Das Bild zeigt einen Screenshot auf Spotify von dem neuen Album von Harry Styles
Bildschirmfoto Spotify @ RuthJanessa Funk

Theater & Bühne – Berlin

Am Gorki Berlin läuft von Donnerstag bis Samstag ein dichtes Programm: „Ellbogen“ über Migration, „Between the River and the Sea“ über Exil, dazu Stücke aus dem Haus von Intendantin Shermin Langhoff. Körper in Konflikt, Stimmen, die keinen bequemen Ort finden – ein produktiver Kontrast zu den musealen Glanzlichtern dieser Woche. Wenn du hingehst: Frag dich, wie Theater Ikonen zeigt, die nicht aus der Distanz der Geschichte kommen, sondern mitten aus dem Gegenwärtigen.

Literaturtipps & Book-Club – Wie Ikonen über sich schreiben

Liza Minnelli: „Kids, Wait Till You Hear This!“ Pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag hat Minnelli mit ihrem langjährigen Freund Michael Feinstein Memoiren vorgelegt. Das ist keine Trauma-Autobiografie nach dem üblichen Promi-Schema, sondern ein Showgirl-Protokoll aus der ersten Reihe des 20. Jahrhunderts: Hollywood-Kindheit, „Cabaret“-Oscar, Sucht, Comebacks, ein Körper, der mehrmals gebrochen wurde und trotzdem weiter auf die Bühne gegangen ist. Was mich daran besonders interessiert: Das Buch stellt sehr direkt die Frage, wie Frauen in der Öffentlichkeit über ihr Altern, ihre Körper und ihre Fehler schreiben dürfen – und was passiert, wenn sie sich dem Opfer-Narrativ verweigern. Es sind Lektüren für Frauen, die mehr wollen als „starke Heldinnen“ – nämlich Texte, in denen das Leben in seiner ganzen Widersprüchlichkeit auftaucht. 

Liza Minnelli „Kids, Wait Till You Hear This!“. Erschienen am 10. März 2026, 448 Seiten, gebundene Ausgabe 31,00 €.

Kleiner Ausblick, der Vorfreude macht: In New York plant die Carnegie Hall für den Sommer einen großen Tribute-Abend „Liza! at 80″ – 30-köpfiges Orchester, Fokus auf das Kander/Ebb-Material. Während in Köln Kusama die Räume füllt, bereitet sich die New Yorker Theaterwelt darauf vor, eine Frau zu feiern, die das Musiktheater des 20. Jahrhunderts geprägt hat wie kaum eine andere. Die Bühne feiert, was das Kino vergisst: reine, unnachgebende Präsenz.

So, das war die Ausgabe für diese Woche. Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder – ich freue mich auf euch! Bis dahin: viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig, bleibt zugewandt.

Neuigkeiten aus CULTURE & PEOPLE

Go to Top