kultur*letter #11: Symbiosen: Wo Kunst und Natur aufeinandertreffen

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Liebe Salonnière, lieber Salonier,
in dieser neuen Ausgabe des Kultur*letters habe ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino, Konzerten und Literatur für dich zusammengestellt – passend zum Osterwochenende, passend zu dir.

Der Frühling kommt dieses Jahr mit Schlagseite. Während draußen alles sprießt, treibt es in der Kulturpolitik ebenfalls – nur nicht in die richtige Richtung. Die Weimer-Debatte ist nicht vorbei – und der bbk berlin hat diese Woche unmissverständlich Stellung bezogen: Kein weiterer Weimer-Eingriff in die Kunstfreiheit! Keine politische Kontrolle, keine ideologische Filterung, keine Einschüchterung. Der Berufsverband stellt sich hinter die Jury des Hauptstadtkulturfonds und fordert den Rücktritt des Kulturstaatsministers. Was sich wie eine Eskalation anhört, ist in Wirklichkeit eine Präzisierung: Wer Förderverfahren politisch kontrolliert, entscheidet nicht über Kunst, sondern über das Klima, in dem Kunst überhaupt entstehen kann. Und wer gleichzeitig Programme wie „Demokratie leben!” faktisch aushöhlt, während er von demokratischen Werten spricht, betreibt eine Doppelmoral, die aufgeschrieben werden muss.

So viel zum Rückblick – jetzt beginnt der Ausblick für das Osterwochenende und die Woche vom 3. bis 10. April 2026: Ein dichter Teppich aus Ausstellungseröffnungen, Konzerten, Kinostarts und Büchern erwartet Euch. Das Rahmenthema dieser Ausgabe lautet: „Symbiosen – wo Kunst und Natur aufeinandertreffen und was dabei über uns sichtbar wird”.

Ausstellungen – Zwischen Wildnis und Stadtschicht

Während Kulturbudgets schrumpfen und Institutionen neue Allianzen suchen, verhandeln die Ausstellungsräume gerade etwas Grundsätzlicheres – das Verhältnis zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem, zwischen dem, was wächst, und dem, was gebaut wird.

Kunsthalle Augsburg, Symbiosis – Kunst zwischen Mensch und Natur | noch bis 19. April. Paul Diestel, Clare Langan und weitere Positionen erkunden, wie fragil die Balance zwischen uns und dem Wilden ist – und wie wenig selbstverständlich es war, dass wir uns jemals für die überlegene Seite hielten. Ein Besuch, der gut zum Frühlingsspaziergang davor passt.

MUCA Collection München – Unveiling. Seit dem 2. Januar 2026 ist die Dauerausstellung mit Werken von Banksy, Shepard Fairey, Keith Haring, Invader, Kusama u. a. in den neu ausgebauten Untergeschossräumen zu sehen. Die regulären Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Sonntag, teilweise Donnerstag bis 20 Uhr, mit zusätzlichen Themenführungen im April 2026.

Noch bis zum 19. April findet ebenfalls in der MUCA München die Ausstellung „Vhils – Strata” statt. Die ursprünglich nur für 2025 terminierte VHILS-Schau wurde verlängert und ist aktuell tatsächlich noch bis zum 19. April 2026 im MUCA-Haupthaus und im MUCA-Bunker zu sehen. Gezeigt wird, Alexandre Farto, der Porträts in Beton und Putz ritzt und dabei freilegt, was sich abgelagert hat. Schichten der Stadt als Schichten der Geschichte. Wer Falten nicht als Makel, sondern als Biografie liest, ist hier richtig.

Konzerte – Klassik im historischen Rahmen

In München wird Ostern traditionell musikalisch gerahmt: Ein Oster-Meisterkonzert im Max-Joseph-Saal sowie ein festliches Konzert im Cuvilliés-Theater verbinden Werke von Bach, Mozart, Dvořák und Beethoven mit Räumen, die selbst schon eine gewisse Ausstrahlung haben. Das Publikum ist gemischt, die Atmosphäre festlich. Wer aufmerksam bleibt, kann über die Ritualisierung von Hochkultur nachdenken, während sie stattfindet.

Kinotipps – Beziehungen unter Druck

Das Drama (Kinostart 2. April) mit Zendaya und Robert Pattinson: Was dieser Film verspricht, ist keine leichte Unterhaltung. Beziehungen in der Moderne, Nähe und Fremdheit, die Frage, was wir voneinander wollen – das ist Stoff, der über den Kinobesuch hinaus nachhallt. Für einen Kinoabend, nach dem man reden möchte. Videovorschau.

Für zu Hause empfiehlt sich die ZDF-Dokumentation „So geht Frieden“ (Katrin Eigendorf, Carl Gierstorfer): Während wir täglich Bilder von Eskalation sehen, fragt diese zweiteilige Doku-Reihe leise und eindringlich: Wie leben Menschen nach Gewalt wieder miteinander? Liberia, Syrien, Uruguay, Island – keine Gipfelrhetorik, sondern genaues Hinschauen. Ein guter Ausgangspunkt, um über Frieden zu sprechen, bevor wir wieder über Sicherheit debattieren. Die Doku ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Podcast-Tipp – Eine Stimme aus dem Rauschen

Der Koch von Gaza“ ist ein Rechercheprojekt der ZEIT, das über den ZEIT-Verbrechen-Feed veröffentlicht wurde. Yassin Musharbash erzählt in fünf Episoden die Geschichte von Mahmud Almadhoun, einem Suppenküchenkoch, der 2024 bei einem Luftangriff im Gazastreifen getötet wurde. Es geht um investigative Recherche, die Ethik der Kriegsberichterstattung und die Frage, wie ein einzelnes Leben im Lärm eines Krieges sichtbar bleibt. Die ersten Folgen sind frei zugänglich. Das steht definitiv auf meiner Liste.

Literaturtipps – Lesen mit langem Atem

Bernhard Schlink: „Das späte Leben“: ein Roman für das stille Osterfenster jenseits der Familienidylle. Schlink schreibt über Figuren, die längst angekommen sein müssten – und doch noch einmal neu verhandeln, was Nähe, Schuld und Freiheit in der zweiten Lebenshälfte bedeuten. Kein Girlboss-Text. Kein aufgeräumtes Happy End. Stoff für ein ehrliches Gespräch über das, was wir von uns selbst noch erwarten dürfen. Diogenes Verlag, 2023, gebunden, 240 Seiten, 26,00 Euro.

Ildikó von Kürthy: „Alt genug“: Das Gegenprogramm zur Osterharmonie. Kürthy schreibt über Älterwerden, Lebensmitte, Körper und Erwartungen – klug, pointiert, mit ihrer seltenen Mischung aus Selbstironie und Ernst, die sich nicht anbiedert. Ideal für den Oster-Nachmittag, an dem du lieber mit dir selbst als mit der Familie redest. Ullstein Verlag, 2026, gebunden, 272 Seiten, 22,99 Euro.

Book-Club-Empfehlung

Mein Favorit für dieses Wochenende ist etwas ganz Unerwartetes: „Alexander“ von Ferdinand von Schirach – ein Kinderbuch, das keines ist. Oder eines, das auch für mich als Erwachsene unterhaltsam ist. Man kann es entweder gemeinsam mit Kindern lesen oder ganz allein. Es ist entzückend, präzise und still und hat sofort einen Platz in meinen „Trouvailles“ gefunden. Es bietet keinen Gesprächsstoff für einen kontroversen Book-Club-Abend, ist aber genau das Richtige für einen Moment, in dem Einfachheit eine Form von Mut ist. Ab 10 Jahren, Penguin Verlag, 2026, gebunden, 160 Seiten, 18,00 Euro.

Lesetipps der Woche

Debatten & Diskurse

Zum Schluss noch ein ganz anderes Thema: Ist die KI eine Bedrohung für kulturelle Schöpfung? Der Deutsche Kulturrat warnt: Künstliche Intelligenz frisst sich durch Werkkorpora, reproduziert und transformiert menschliche Kreativität ohne Einwilligung, ohne Vergütung, ohne klare Regelung. Die Debatte, die damit verbunden ist, berührt eine sehr alte Frage neu: Was macht menschliche Schöpfung aus – und warum sollte sie schützenswert sein? Es geht nicht darum, KI zu verteufeln. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen hybride Formen entstehen können, die Authentizität nicht opfern. Das ist eine kulturpolitische Aufgabe – und eine, die nicht an die Technologiekonzerne delegiert werden darf.

Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Schöne Ostern und bleibt im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig – und bleibt zugewandt.