Kultur*letter #10: Was wir tragen, was wir verschweigen

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In dieser Ausgabe des Kultur*letters habe ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino, Konzerten und Literatur für dich zusammengestellt – passend zum Wochenende, passend zu dir.

Diese Woche hatte eine merkwürdige Schwere. Nicht die laute, dramatische Art – sondern die stille, die sich unter Alltagsnachrichten schiebt und dort bleibt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sorgt weiter für Unruhe: Buchhandlungen werden von Förderlisten gestrichen, die Berlinale steht unter Druck, und wer genau hinschaut, erkennt ein Muster – kein bürokratisches, sondern ein weltanschauliches. Was hier verhandelt wird, ist nicht Förderlogik. Es ist die alte Frage: Wer darf erzählen? Und wessen Version von Wahrheit gilt?

Genau diese Frage stellt Shilpa Gupta im Hamburger Bahnhof in ihrer neuen Einzelausstellung in Raumgröße. Und Erwin Wurm vor dem Hotel Sacher in Wien schickt überdimensionale Taschen auf langen, dünnen Beinen durch die Stadt – als poetische Reflexion über das, was wir mit uns tragen, ohne es je auszupacken. Gepäck aus Herkunft, Erfahrung, Schweigen. Ich finde, das ist die Metapher dieser Woche: Was tragen wir, und was verschweigen wir – in der Kulturpolitik, in der Literatur, in uns?

So viel zum Rückblick – jetzt beginnt der Ausblick. Die Woche vom 28. März bis 4. April 2026 hält einiges bereit: starke Ausstellungen, ein ungewöhnlicher Kinostart, Bücher, die sich nicht schnell lesen lassen, und eine Debatte, die noch nicht fertig gedacht ist. Das Rahmenthema dieser Ausgabe: Was wir tragen, was wir verschweigen – im Ausstellungsraum, auf der Leinwand, auf der Seite.

Ausstellungen – Wahrheit als Raum

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin | ab 27. März 2026: Shilpa Guptas Einzelausstellung What Still Holds beginnt mit einem Wort: TRUTH. Überdimensional, begehbar, unbequem. Die indische Konzeptkünstlerin stellt die Installation in Dialog mit Joseph Beuys – und das ist klüger als es klingt: Beide haben Zeit ihres Lebens Sprache als politisches Material verstanden, Partizipation als Kunstform, und die Frage, wer Wahrheit kontrolliert, als zentrale gesellschaftliche Aufgabe. In Zeiten, in denen Kulturpolitik selbst zur Deutungsmaschine wird, ist das kein neutraler Ausstellungsbesuch – sondern eine Einladung zum Nachdenken mit Haltung. Noch bis Januar 2027.

Kunstpalast Düsseldorf | bis 9. August 2026: The Scharf Collection: Goya – Monet – Cézanne – Bonnard – Grosse ist eine Ausstellung über die Macht des Sammelns – und darüber, was private Leidenschaft mit öffentlicher Kultur macht. Von Goyas dunklen Kapriccios bis zu Katharina Grosses farbsatten Setzungen: Das ist kein harmonischer Parcours, sondern eine ehrliche Reibungsfläche. Wer ins Rheinland kommt, sollte sich die Frage mitnehmen: Welche Bilder würden in deine imaginäre Sammlung wandern – und warum?

Museum Barberini, Potsdam | laufend: Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland erzählt mehr als Parkbilder und Sommerszenen. Liebermann war einer der umstrittensten Bürgerlichen seiner Zeit – gefeiert und angefeindet, deutsch und jüdisch, impressionistisch und politisch. Was „bürgerlich“ heute heißt, lässt sich nirgends schöner und irritierender befragen als hier. Ideal für ein Wochenende, das du mit Licht, Farbe und einem langen Gespräch danach beenden möchtest.

Museum Frieder Burda, Baden-Baden | laufend: 60 Jahre Fotorealismus – von Richard Estes bis Karin Kneffel. Eine schöne Gelegenheit, über unsere Gegenwart als Dauerbild nachzudenken: Wie „real“ ist ein Bild, das perfekter aussieht als jede eigene Erinnerung? Und was bedeutet Präzision in einer Zeit, in der jedes Foto ein Argument ist?

Kinotipps – Was bleibt, wenn man geht

Blue Moon von Richard Linklater (Kinostart: 26. März 2026) ist der Film dieser Woche – ein Theaterraum, eine Nacht, ein Songwriter am Ende seiner Zeit. Ethan Hawke spielt Lorenz Hart, den Texter hinter Rodgers & Hart, in dem Moment, in dem ihm bewusst wird, dass sein Partner ihn verlässt – künstlerisch und menschlich. Linklater interessiert sich nicht für Triumph, sondern für das Zögern davor: Was bedeutet es, wenn eine kreative Lebensform zu Ende geht? Das klingt nach einem kleinen Film – und ist doch einer der präzisesten über Vergänglichkeit, Abhängigkeit und Kunst, die du in diesem Frühjahr sehen wirst.

Pillion (Kinostart: 26. März 2026) erzählt eine BDSM-Beziehung zwischen zwei Männern – Harry Melling und Alexander Skarsgård – mit einer Ruhe und Ernsthaftigkeit, die das Genre selten bekommt. Keine Provokation um der Provokation willen, sondern eine Untersuchung von Kontrolle, Vertrauen und Männlichkeit jenseits der üblichen Bilder. Wer Lust hat, Vorurteile zu befragen, findet hier guten Stoff – für sich selbst und für eine ehrliche Gesprächsrunde danach. Videovorschau.

Running via Alpina (Kinostart: 28. März 2026) dokumentiert zwei Frauen, die 50 Marathons über 2.000 Kilometer laufen. Das ist keine Sportdoku – das ist eine Bestandsaufnahme dessen, was Körper leisten können, wenn Wille und Gemeinschaft sich verbinden. Eine Hymne auf physische und mentale Grenzerfahrung, die ohne Girlboss-Rhetorik auskommt. Manchmal ist es schlicht beeindruckend, was Frauen leisten – und es braucht keine weitere Rahmung. Videovorschau.

Für alle, die trotzdem Action wollen: Shelter mit Jason Statham läuft ebenfalls an – ein klassischer Thriller mit moralischen Grauzonen, schottischer Landschaft und Statham-Garantie. Völlig in Ordnung für einen Abend, an dem du einfach nichts denken möchtest. Videovorschau.

Literaturtipps – Lesen mit langem Atem

© Circus Magazine (Foto mit KI bearbeitet)

Katrin Eigendorf: Erzählen, was ist ist das Buch der Woche für alle, die verstehen wollen, was es bedeutet, Wirklichkeit in Sprache zu übersetzen, wenn die Wirklichkeit sich nicht übersetzen lässt. Eigendorf berichtet aus Kriegsgebieten – und ihr Buch ist kein Heldenbericht, sondern eine Reflexion über Empathie, Erschöpfung und die Frage, wem wir unsere Aufmerksamkeit schulden. Hervorragender Ausgangspunkt für eine Salonrunde über Medien, Wahrheit und das Privileg, sicher zu lesen. Gebunden, 256 Seiten, S. Fischer Verlag, 25,00 EUR.

Jana Hensel: Es war einmal ein Land schaut auf den Osten und seine wachsende Distanz zur Demokratie. Kein Erklärungsbuch, sondern ein ehrliches Hinschauen – auf Biografien, die in politische Haltungen münden, die viele im Westen nicht verstehen wollen. Gut kombinierbar mit Christoph Bartmanns Attacke von Rechts. Der neue Kampf um die Kultur, das die kulturpolitischen Frontlinien von Theaterprotesten bis Museumspolitik nachzeichnet. Zwei Bücher, die zusammen ein Bild ergeben: Kultur ist nie unpolitisch – und wer sie so behandelt, hat bereits eine Entscheidung getroffen. Gebunden, 263 Seiten, Aufbau Verlag, 22,00 EUR.

Gabriel Zucman: Reichensteuer. Aber richtig! – 63 Seiten, fast ein Essay, absolut lesenswert. Zucman zerlegt die Mythen um Vermögensbesteuerung mit der Präzision eines Ökonomen und der Zugänglichkeit eines guten Gesprächspartners. Kein Moralgewitter, sondern Argumentation. Ideal für eine Runde, die über Gerechtigkeit sprechen will – und zwar jenseits von Empörung. Broschiert, 63 Seiten, Suhrkamp Verlag, 12,00 EUR.

Book Club – Scham muss die Seite wechseln

© Circus Magazine (Foto mit KI bearbeitet)

Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln ist kein einfaches Buch – und das ist genau der Grund, warum es in einen ehrlichen Book Club gehört. Pelicot hat durch ihren Mut, den Prozess gegen ihren Mann öffentlich zu machen, eine internationale Debatte ausgelöst, die weit über ihren Fall hinausgeht: über Scham als Herrschaftsinstrument, über weibliche Verletzlichkeit als politische Kategorie, über das, was Frauen schweigen, weil sie glauben, schweigen zu müssen.

Das ist kein Buch für Frauen, die Bestätigung suchen. Es ist Stoff für eine Runde, die bereit ist, unbequeme Fragen zu stellen: Welche Scham tragen wir mit uns, die nicht uns gehört? Wo haben wir gelernt, zu schweigen – und wer hat davon profitiert? Auch für Männer in der Runde ein wichtiges Buch – vielleicht gerade dann besonders. Gebunden, 256 Seiten, Piper Verlag, 25,00 EUR.

Debatten & Diskurse – Wer moderiert, wer eskaliert

Die kulturpolitische Debatte um Wolfram Weimer ist noch nicht fertig. Im Kern geht es um eine Frage, die immer dann auftaucht, wenn Kulturförderung auf Verfassungsschutzlogik trifft: Kann der Staat mit dem Argument der Sicherheit in die Pluralität der Kultur eingreifen – und wenn ja, wer kontrolliert diesen Eingriff? Heribert Prantl formuliert es im Politischen Feuilleton als Forderung nach einer „wehrhaften Demokratie“, die sich verteidigt, ohne selbst illiberal zu werden. Das ist die Spannung, die gerade durch die Feuilletons zieht – und sie ist keine abstrakte.

Parallel dazu widmet die März-Ausgabe von Politik & Kultur (3/26) ihr Schwerpunktthema den Erinnerungsorten der Deutschen Teilung und dem Grünen Band. Aus dem ehemaligen Todesstreifen sei eine „Lebensader“ geworden – eine Formulierung, die einlädt, über die Transformation von Gewalt- in Wohlfühlräume nachzudenken. Was machen wir mit Orten, an denen Geschichte körperlich war? Und was verschweigen wir dabei?

Du musst nicht überall dabei sein – aber du kannst sehr bewusst wählen, wo du dich zeigen, zuhören und mitsprechen möchtest.

Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Woche: Nicht nur Programm zu planen, sondern das unsichtbare Gepäck einmal auszupacken – in einem Ausstellungsraum, einem abgedunkelten Kinosaal, einem ehrlichen Book-Club-Abend. Was tragen wir? Was verschweigen wir? Und was wäre, wenn wir damit aufhörten?

Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig – und bleibt zugewandt.


Titelbild: „Shilpa Gupta. What Still Holds“, Hamburger Bahnhof Untitled (Don’t See, Don’t Hear, Don’t Speak), 2006/26 © Shilpa Gupta. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Foto: Luca Girardini