Schon wieder …

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Es ist wieder so weit: In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren eine Stunde vorgestellt. Sommerzeit, hurra – oder auch nicht. Wie jedes Jahr Ende März beginnt nicht nur die Zeitumstellung, sondern auch die große Debatte. Seit Jahrzehnten diskutieren wir zweimal im Jahr über dieses Ritual: Soll es bleiben? Weg damit? Sommerzeit für immer? Normalzeit für immer? Jeder hat eine Meinung, aber eine Lösung scheint so weit entfernt wie der nächste Frühling im Dezember. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich nervt es – und meinem Hund Oscar geht es nicht anders.

Die Zeitumstellung selbst ist einfach: Ende März eine Stunde vor, Ende Oktober eine Stunde zurück. Doch dahinter verbirgt sich ein Chaos aus Meinungen, wissenschaftlichen Studien und geografischen Problemen, das kaum jemand durchschaut. Und während wir darüber streiten, ob uns die Sommerzeit mehr Licht am Abend oder nur Schlafstörungen beschert, ist eines klar: Irgendetwas stimmt mit dem System nicht.

Der Jetlag, den keiner will

Fangen wir mit dem an, was uns alle betrifft: dem fiesen Mini-Jetlag. Zweimal im Jahr wird unser Biorhythmus durcheinander gewirbelt, und das spürt man. Letzten Herbst, als die Uhren zurückgestellt wurden, lag ich morgens um 6 Uhr wach im Bett – hellwach, weil mein Körper noch auf Sommerzeit eingestellt war. Aber nicht nur ich bin genervt. Meine Kollegin Paula fluchte eine Woche lang, weil sie um 19 Uhr schon so müde war und abends zu nichts mehr Lust hatte.

„Zeit“ Gassi zu gehen.

Und dann ist da noch mein Hund Oscar, dem die neue „Futter- und Gassizeit“ völlig egal ist und der alles beim Alten belassen will. Bei jeder Zeitumstellung steht er morgens eine Stunde zu früh vor der Tür und bellt mich an, als wäre ich schuld an der Sonnenverschiebung. Im Frühjahr wartet er dann abends ewig auf sein Futter, weil sein Magen nicht versteht, warum die Uhr plötzlich lügt. Studien sagen, dass Kühe weniger Milch geben und Hühner ihre Eierproduktion durcheinander bringen, wenn sich die Zeit ändert. Natürlich haben sie kein Smartphone, das ihnen automatisch die neue Zeit anzeigt – die merken nur: Da stimmt doch etwas anders.

Sommerzeit, Normalzeit – oder was?

Die einen schwören auf die dauerhafte Sommerzeit. „Mehr Licht am Abend, perfekt für den Biergarten!“, sagen Freunde von mir, die im Sommer nichts lieber tun, als nach der Arbeit gemeinsam irgendwo draußen zu sitzen. Klingt gut, bis man merkt, was das im Winter bedeutet: In Westspanien würde die Sonne Mitte Dezember erst um 10 Uhr aufgehen, hier in Deutschland um 9.15 Uhr. Wer früh zur Arbeit muss, stolpert dann im Dunkeln aus dem Haus – kein Spaß, schon gar nicht im Januar.

Andere wollen die Normalzeit – also die Winterzeit – das ganze Jahr über. „Dann wird es im Sommer morgens früher hell, das passt doch“, sagt meine Freundin Anne, die Frühaufsteherin. Aber auch das hat seine Tücken: Im Osten, zum Beispiel in Polen, würde die Sonne im Juni schon um 3 Uhr morgens aufgehen und um 20 Uhr untergehen. Da geht viel Tageslicht im Schlaf verloren. Und im Westen, etwa in Spanien, würde die Sonne selbst im Sommer erst gegen 21.30 Uhr untergehen – schön für Nachtschwärmer, aber nicht für den Rhythmus.

Die dritte Gruppe – und da gehöre ich auch dazu – will einfach, dass dieses Hin und Her aufhört. Keine Zeitverschiebung, keine Diskussionen, keine verwirrten Hunde. Aber wie soll das gehen, wenn halb Europa andere Bedürfnisse hat? Willkommen im Dilemma!

Eine Zeitzone für alle?

Das Problem liegt in der Größe unserer mitteleuropäischen Zeitzone. Sie reicht vom Kap Touriñán in Spanien bis zum Fluss Bug in Polen – eine Strecke, die geografisch kaum zu bewältigen ist. Im Westen wird es spät hell, im Osten früh dunkel, und dazwischen liegen Länder, die seit über 100 Jahren versuchen, sich auf eine Zeit zu einigen. Schon um 1900 einigte man sich auf die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), aber perfekt war sie nie. Portugal zum Beispiel sprang mehrmals zwischen MEZ und GMT hin und her, je nachdem, mit wem es gerade Handel treiben wollte. Die Briten schauten ohnehin nur lächelnd zu, sicher in ihrer GMT-Blase.

Schon wieder … (Foto: freepik.com)

Der Unterschied zwischen Zonenzeit und Sonnenzeit ist an den Rändern heftig. In Spanien fühlt sich die Sommerzeit im Winter wie eine Strafe an – wer will schon bis 10 Uhr im Dunkeln frühstücken? In Polen dagegen nervt die Normalzeit im Sommer, weil es abends so früh dunkel wird. Eine Zeit für alle? Funktioniert nicht, wenn das Gebiet so groß ist.

Die EU und das große Versprechen

Eigentlich sollte es schon lange vorbei sein. 2018 sagte die EU-Kommission: „Schluss mit der Zeitumstellung!“ Eine Umfrage ergab, dass 84 Prozent der Europäer die Nase voll hatten – die Mehrheit wollte die Sommerzeit für immer. Ich gehörte zu denen, die abgestimmt haben, voller Hoffnung auf ein Ende des Wahnsinns. Doch dann kam das große Hin und Her. Erst stritten sich die Länder um die „richtige“ Zeit, dann kam die Pandemie und legte alles auf Eis. Ergebnis: Wir stellen weiter um und keiner weiß, wann sich das ändert. Die Türkei hat es übrigens vorgemacht: Seit 2016 gibt es dort keine Zeitumstellung mehr – es bleibt das ganze Jahr bei der Sommerzeit. Zwar liegt das Land weiter östlich, aber es zeigt: Es geht, wenn man sich traut. Und Island hat übrigens die Zeitumstellung erst gar nicht eingeführt, seit 1968 herrscht hier die „Einheitszeit“.

Strom gespart – oder doch nicht?

Ein Argument taucht immer wieder auf: Energieeinsparung. Ende der 1970er Jahre wurde die Zeitumstellung wieder eingeführt, weil man hoffte, mit mehr Tageslicht in Fabriken und Büros Energie zu sparen. Heute rechnet uns die Wissenschaft vor, dass eine ganzjährige Sommerzeit in Deutschland 1,3 Prozent des Stromverbrauchs einsparen könnte. Für eine Familie mit drei Kindern wären das zwölf Euro im Jahr – oder etwa zwei Pizzen. Und dafür Schlafprobleme und genervte Kinder in Kauf nehmen? Ich weiß ja nicht?

Und überhaupt: In Zeiten von LED-Lampen, die kaum Strom verbrauchen, ist der Effekt verschwindend gering. Damals, mit Glühbirnen und Fabrikschloten, mag das Sinn gemacht haben. Heute wirkt es wie ein Relikt, das niemand mehr braucht.

Bis dahin: Weiterdrehen

Solange sich die EU (und die Nicht-EU-Länder, die mitmachen wollen) nicht einigen, wird wohl alles beim Alten bleiben. Wir drehen an den Uhren, fluchen leise und helfen uns mit Sprüchen wie „Spring forward, fall back“ oder „Plus im Frühling, Minus im Winter“. Oscar würde mich nächste Woche sogar eine Stunde länger schlafen lassen, aber ich muss ja eine Stunde früher arbeiten. Ja, schon wieder. Aber irgendwann finden wir eine Lösung. Nächstes Jahr vielleicht?

Mein Hündchen „Oscar“ braucht keine Zeitzone!

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