WEIMAR – Zwischen Anna Amalia, Goethe, Gropius und all den Anderen

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Text von Juliane Rohr

 

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DER SOMMER MACHT PAUSE

2. Juli 2016 – Zeit für einen spontanen Samstags-Ausflug nach Weimar – zwei Stunden mit dem Auto ab Berlin. Easy geparkt in der Goethe-Tiefgarage mitten in dem Städtchen, dass uns mit dem Blick auf die herrschaftlichen Häuser in der Ackerwandstrasse gleich in den Bann zieht.
 

Einmal um die Ecke geschlendert, stehen wir vor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek am Platz der Demokratie. Ein einfaches „Bibliothek“ über einer Holztür zeigt nicht wirklich, was sich für ein Schatz in dem Gebäude verbirgt. Hoch über dem Platz thront übrigens das Denkmal von Carl-August (1757-1828). Der Großherzog war es, der in seiner Stadt konsequent bürgerliche Kultur und Wissenschaft förderte. Er legte damit den Grundstein für Weimars weltoffene Entwicklung. Literatur, Philosophie, Theater, später Musik und Architektur – diese Bandbreite machte den Ort zur geistigen Hauptstadt Europas. 

Weimar atmet Geschichte.

Sprüche und Weisheiten begegnen uns an diesem Tag immer wieder – sogar an Hauswänden. Zum Teil in luftiger Höhe. Es lohnt mit wachen Augen unterwegs zu sein und den Blick schweifen zu lassen. Goethe, Schiller, Kafka, Liszt, Bach, Wagner, Nietzsche, aber auch Gropius mit seinen Bauhäuslern – alle waren und sind irgendwie immer noch hier. Weimar macht beste Laune und füttert den Geist.

Weiterbummeln, da wir erst in gut eineinhalb Stunden unseren Slot in der Anna-Amalia haben. Nur 250 Besucher am Tag dürfen in die historische Bibliothek. Dringend online anmelden, da an der Kasse nur 50 Plätze täglich vergeben werden können und die sind je nach Weimarer Touri-Aufkommen schnell weg. Wir machen einen Cappuccino-Zwischenstopp im Café am Frauentor. Genießen den Blick auf Goethes Wohnhaus und in die von Bäumen gesäumte Fußgängerzone in Richtung Schillers Wohnhaus

rechts das Wirtshaus zum weißen Schwan, hier wohnten Goethes Gäste | links das gelbe Haus von Goethe

Es bleibt noch Zeit – weiter zum Nationaltheater. Dort ist das wohl berühmteste Denkmal Deutschlands zu sehen: Goethe und Schiller (1856 von Ernst Rietschel entworfen) auf einem Sockel vereint. Interessant – die beiden Dichter und Denker würdigen sich keines Blickes. Goethe war reich, Schiller musste sparen und oft krank. Der eine liebte Rotwein und seine Botanik während Schiller faulende Äpfel in seinen Schreibtisch legte, weil der Fäulnisgeruch seine Kreativität beflügelte. Von wegen Gegensätze ziehen sich an. Und ja, nicht nur japanische Selfiestick-Touristen wollen hier ein Foto. Es will jeder eines, zusammen mit den beiden Giganten der deutschen Klassik – wir auch. Gewartet, Zeit vertrödelt – schnell zurück zum Slot in die weltberühmte Büchersammlung.

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek
 
1691 als öffentlich zugängliche Bibliothek gegründet, war sie zunächst im Residenzschloss untergebracht. Mit Herzogin Anna Amalia 1766 kam der Umzug ins Grüne Schloss. Dort sind die Bücher seit 1849, in dem von Clemens Wenzeslaus Coudray gestalteten Rokokosaal. 2004 brannte der Dachstuhl des UNESCO-Weltkulturerbes nieder, der Saal und 118 000 Bücher wurden zum Teil schwer beschädigt, 50 000 Bücher gingen dabei für immer verloren. 2007 dann die Wiedereröffnung. Seither steht der Besucher sicher noch begeisterter in dem ovalen Inneren der Bibliothek. Da stören auch die über großen Filzpantoffeln nicht lange mit denen wir über das Parkett schlappen. Der Weisheit ein Haus – hier wohnt sie definitiv, ein Gedanke, der uns kommt. 

Geschwungene Regale erzeugen das innere Oval der Anna Amalia Bibliothek

Die kostbaren Bücher stehen in weißen mit feinem Goldstrich eingefassten Holzregalen und dürfen zu Forschungszwecken ihren Platz verlassen. Wie gerne würden wir auf einen der Balkone im Stockwerk über den Regalen stehen und hinunter gucken. Heute leider nicht, aber sicher ein anderes Mal im Rahmen einer Führung. Der Raum ist übrigens viel kleiner, als auf den wohlbekannten Bildern der Fotografin Candida Höfer.

Who’s Who der Deutschen Geschichte

Wieder auf dem Marktplatz können wir dann nicht mehr widerstehen und kaufen eine frisch gebrutzelte Thüringer Bratwurst mit viel Senf. Mmmmhh … irgendwie anders als in Berlin, mehr Gewürz vielleicht – oder schlicht und einfach die Atmosphäre in der Mitte Weimars. Der Blick auf den Rathausturm deren 35 Glocken aus Meißner Porzellan sind. Genau gegenüber das Wohnhaus von Lucas Cranach dem Älteren, rechts das berühmte Hotel Elephant, in dem ehemaligen Wirtshaus waren alle, wirklich alle zu Gast. Und links noch die Apotheke, in der schon Goethe eingekauft hat. 

Goethe und Schiller vor dem Nationaltheater vereint


Zeitensprung ins Bauhaus-Museum. In dem Haus wurde 1919 übrigens die Weimarer Verfassung unterzeichnet. Schon wieder so ein geschichtsträchtiger Ort. Herrlich. Wir begegnen in dem großen Ausstellungsraum zunächst Walter Gropius, der 1919 das Staatliche Bauhaus gründete. Ausgestellt sind hier Bilder, Entwürfe, Möbel, Lampen oder auch Teekannen von Gropius, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger, László Moholy-Nagy, Paul Klee oder Kurt Schwerdtfeger. Weimar war in den 20ern der Treffpunkt der Avantgarde. Bis 1925 erste nationalsozialistische Strömungen die illustre Truppe zum Umzug nach Dessau und Berlin zwangen.

Weniger Bauhausmoderne in puncto Einrichtung spüren wir beim Lunch im Anno 1900. Wildkräutersalat und Mango-Kokossuppe sind hingegen modern vegan und Berlin-Mittelastig. Der Besuch lohnt sich auch, weil das Haus, in dem das Lokal ist, entzückend ist und Schriftsteller wie Franz Kafka hier schon gegessen haben.

Unser nächster Halt ist die Bauhaus-Uni. Ein beeindruckender Bau mit riesigen geschwungenen Atelierfenstern 1904 bis 1911 von Henry van de Velde entworfen. Hier entstand das Bauhaus. Walter Gropius wollte Experimentierfreude, Offenheit, Kreativität, Nähe zur industriellen Praxis, projektorientiertes Arbeiten und ein Wir-Gefühl von Lehrern und ihren Schülern fördern. Der ein oder andere Bauhauslehrer machte mit seinen Schülern Yoga auf den Wiesen vor dem Bau und man kann sich vorstellen, wie sie damit das Weimar der 20er in Aufruhr versetzten.

Auch lohnenswert ist der Historische Friedhof. Ich mag alte Friedhöfe, ist so ein Erste-große-Liebe-Ding. Dieser ist besonders – nur einige verstreuten Gräber mitten im wild wachsendem Grün und an den Friedhofsmauern entlang die Grabstätten wohlhabender Weimarer. Am Ende des ansteigenden Weges steht die Fürstengruft. Hier liegt auch Johann Wolfgang von Goethe. Friedrich Schillers Gebeine sollen später hinzugekommen sein. Nebenwirkung der modernen Medizin: Dank DNA-Test ist inzwischen klar, dass dort nicht des Dichters Schädel liegt – wo er überhaupt begraben ist, bleibt bislang unklar. Hinter der Gruft erhebt sich die russisch-orthodoxe Kapelle über dem Grab der Großherzogin Maria Pawlowna. Auch hübsch und es riecht nach Weihrauch. 

Bauhaus Weimar – Aufbruch in die Moderne


Mit diesem Duft in der Nase geht es zum nächsten Bauhaus-Berührungspunkt auf unserer Liste – dem Haus am Horn. Wir laufen quer durch den Park an der Ilm – vorbei am Franz Liszt-Haus (ebenfalls von Coudray gebaut), verschiedenen Theaterkulissen (ja wirklich!) im idyllischen Park und lassen Goethes Gartenhaus links liegen, bevor ein kleiner Pfad zum ersten Ökohaus der Welt führt. 

Das Haus am Horn wurde zur ersten großen Bauhausausstellung 1923 von Georg Muche als Musterhaus konzipiert und in nur vier Monaten hochgezogen. Es ist die einzige in Weimar realisierte Bauhausarchitektur. Michael Siebenrodt vom Freundeskreis der Bauhaus-Universität gibt uns eine intensive, facettenreiche Führung auf den Spuren der Architektur- und Materialentwicklung im Bauhaus. 

Das Haus am Horn wurde zur ersten großen Bauhausausstellung 1923 von Georg Muche als Musterhaus konzipiert und in nur vier Monaten hochgezogen.

Danach springen wir noch einmal von der Moderne zurück in die Klassik – auf eine Stippvisite in Goethe Gartenhaus. Seit 1776 im Besitz des Dichters, finanziert von Herzog Carl August. Damals lag es vor den Toren der Stadt und war ein Rückzugsort. Idyllisch, diese Pflanzenpracht im Garten, dagegen stehen kleine, fast bescheidene Zimmer. In einem davon steht Goethes Reisebett und geschrieben wurde am Stehpult auf einer Art Sitzbock – der Mann hatte Rückenprobleme vom vielen Reisen mit der Kutsche.

Per pedes geht es für uns durch den Park an der Ilm zurück zur Parkgarage am Goethehaus – das haben wir für den nächsten Besuch auf die to-do-Liste geschrieben. 9 Stunden Weimar: ein feiner, gut übersichtlicher Ort. Ein Ort, der Geschichte und Geschichten an jeder Ecke verbirgt, die es lohnt zu entdecken. Quintessenz – oder mit Goethes Faust gesprochen „des Pudels Kern“ – unserer Weimarreise: Unser Entdeckergeist ist geweckt. Und: Heute ist nicht aller Tage, wir kommen wieder – keine Frage. 
www.weimar-tourist.de 

 

alle Fotos@2016 Juliane Rohr und Ruth-Janessa Funk

Hier geht’s zum ausführlichen Report mit allen Bildern und weiteren Informationen zu Weimar.